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FTD-Serie: Thomas Fricke - Die Kolumne

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Merken   Drucken   24.01.2008, 19:16 Schriftgröße: AAA

Kolumne: Thomas Fricke: Herr Glos kehrt die Krise weg

Die deutschen Reaktionen auf akute Konjunkturrisiken haben etwas erschreckend Naives. Als gäbe es keine Globalisierung. Und als könnte man noch Wirtschaftspolitik wie bei Erhard machen. Oder wie bei Schröder.
von Thomas Fricke

Die Bundesregierung gibt sich alle Mühe. Das Börsengeschrei dürfe man nicht überbewerten. Die deutsche Wirtschaft sei dank der Reformen jetzt viel widerstandsfähiger. Und überhaupt, was schert uns die US-Krisenbewältigung? Doziert Wirtschaftsminister Michael Glos. Da müsse halt jeder vor seiner Tür kehren. Und unsere Regierung am besten auf (was auch immer für einem) Kurs bleiben.

Jetzt mag die Regierung zwar recht haben, wenn sie dem gemeinen Rezessionsraten derzeit nicht folgt - wenn auch teils terminbedingt, weil der Jahresbericht vor den jüngsten Börsenstürzen fertig war. Nur macht es das nicht unbedingt besser. Was Glos mit bayerischem Gleichmut da vorgetragen hat, klingt ein bisschen, als wären wir noch bei Erhard - und nicht im Globalisierungsjahr 2008. Oder bei Schröders Agenda-Zauberei. Eher naiv.

Neue Zeiten der Globalisierung

Richtig ist, dass sich die deutsche Wirtschaft bisher erstaunlich gut gehalten hat - obwohl in den USA schon seit eineinhalb Jahren die Immobilienkrise grassiert. Deutsche Firmen waren laut Ifo-Umfrage im Rezessionspanikmonat Januar sogar optimistischer als im Dezember.

Könnte allerdings sein, dass das ungewöhnliche deutsche Wachstum 2006/07 nur zu einem relativ kleinen Teil mit Schröders plötzlich bejubelter Agenda zu tun hat. Sondern zum Beispiel damit, dass die US-Krise bisher eine Krise der Binnen-Baubranche war und uns deshalb wenig störte. Oder damit, dass in Deutschland in just dieser Zeit eine Zehnjahreskrise am Bau endete.

Verzögerter Sog   Verzögerter Sog

Und damit, dass deutsche Unternehmen nach vier Jahren Investitionsstreik viel nachzuholen hatten - nachdem der globale Aufschwung an Deutschland vor lauter Einheitsspätfolgen, desaströsen Euro-Aufwertungen und heillosem Hin- und-her-Reformieren diesmal lange Zeit vorbeiging. Das könnte erklären, warum bei uns auch der vorläufige Höhepunkt des Aufschwungs erst zwei Jahre später erreicht wurde als in Amerika, wo der Zyklus einfach früher begann. Wenn das stimmt, steckt hinter dem deutschen Wachstum 2006/07 kein Beleg dafür, dass es uns per se relativ egal sein kann, was in Amerika passiert. Oder dass wir uns seit Gerds Agenda nicht mehr so viel um äußere Schocks oder Konjunkturzyklen sorgen müssen. Quatsch.

Es kann sein, dass das Ganze sogar mal ins Gegenteil kippt. Gerade weil Deutschlands Wirtschaftspolitik wie manisch darauf aus ist, Kosten zu senken und Unternehmen (noch) wettbewerbsfähiger zu machen, hängt das Bruttoinlandsprodukt hier mittlerweile zu fast der Hälfte vom Export ab: also davon, ob der Rest der Welt so nett ist, unsere Waren zu kaufen. Gruselig. Was ist, wenn gängige Boomkäufer wie China mal keine Lust mehr haben? Oder kein Geld mehr? Zu Ludwig Erhards Zeit lag die Exportquote unter 20 Prozent. Da war es (fast) egal, was andere vor ihrer Haustür kehrten.

Zu einer Zeit fortgeschrittener turbulenter Finanzglobalisierung geht es auch darum zu verhindern, dass sich Krisen ausbreiten - auch auf Streber, die ihre Hausaufgaben gemacht haben. Oder darum, dass gigantische Außendefizite wie in den USA nicht nur von Amerikas Konsumwut abhängen, sondern auch davon, wie gut die Konjunktur anderswo läuft und US-Firmen im Rest der Welt (let's say Germany) verkaufen können. Your turn, Mister Glos.

Glos' Besentheorem, die Krise einfach wegzukehren, klingt grotesk, wenn sich Geldprobleme armer US-Immobilienbesitzer binnen Stunden auf deutsche Banken auswirken, obwohl doch das Land so toll reformiert hat. Und es hilft wenig, mit deutscher Romantik darauf zu setzen, dass man einfach nur flexibler werden muss, damit alles gut wird.

Klar zahlt es sich aus, dass Kosten abgebaut wurden. Nur fragt sich, ob das einen Aufschwung garantiert. Immerhin gab es Lohnzurückhaltung in Deutschland schon seit zehn Jahren - ohne dass dies verhindert hat, dass sich die Lage am Arbeitsmarkt zwischenzeitlich sogar dramatisch verschlimmert hat.

Selbst die mutigsten Hochrechner der Agenda 2010 kamen in den Jubelmonaten nur darauf, dass die Reformen bestenfalls ein Drittel des Aufschwungs ausmachen. Wobei das schon sehr schöngerechnet ist. Wahrscheinlich hängen eher 80 oder 90 Prozent des Wachstums von ganz anderen Dingen ab - etwa davon, wie gut es gelingt, in kritischer Konjunkturlage zu verhindern, dass sich eine Krise verselbstständigt. So wie das die Amerikaner gerade versuchen und es von Ökonomen in den USA heute empfohlen wird. Und wie es die Deutschen 2001 nicht taten, auch weil deutsche Ökonomen da etwas hinterherhinken. Hier kriselt man vor lauter ordnungspolitischer Bibeltreue lieber Jahre vor sich hin - und definiert alle Probleme der Welt zur Hausaufgabe.

Keine Garantie gegen den Abschwung

Aus all dem folgt, dass es mit dem Aufschwung schneller wieder vorbei sein kann, als es das Fabulieren von der hochgeschnellten deutschen Widerstandsfähigkeit vermuten lässt.

Noch besteht Hoffnung, dass der große Abschwung aus Amerika 2008 ausbleibt. Nur, sollte die US-Wirtschaft wirklich in die Rezession schlittern, wäre es fahrlässig anzunehmen, dass dann nicht auch der deutsche Aufschwung kippen kann. Zumal die Europäer seit Monaten mit einem Mix aus drastisch steigendem Wechselkurs, höheren Preisen und konjunkturresistenten Währungshütern zu tun haben.

US-Politiker reagieren darauf derzeit arg hektisch. Nur steckt dahinter der schlaue Gedanke, dass Konjunkturpakete nicht mehr viel bewirken, wenn der Abschwung einmal an Fahrt gewonnen hat. Und dass man nicht warten sollte, bis die Rezession amtlich festgestellt ist. Das gilt auch für Deutschland, auch wenn die Lage derzeit noch besser scheint. Das ist keine Gewähr. Wake up, Herr Glos!

Thomas Fricke ist Chefökonom der FTD. Er schreibt jeden Freitag an dieser Stelle.

Mehr unter: www.ftd.de/wirtschaftswunder

  • Aus der FTD vom 25.01.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland
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