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Merken   Drucken   09.07.2009, 19:46 Schriftgröße: AAA

Kolumne: Thomas Fricke - Inflation, ein Sommerrätsel  

Mit ihrer Dauerangst vor vermeintlich unmittelbar bevorstehender Hyperteuerung stoßen die Deutschen international auf zunehmende Verwunderung. Dabei gibt es bei uns wahrlich wichtigere Sorgen. von Thomas Fricke
Wenn Peer Steinbrück derzeit Dinnerreden hält und andere Welterklärungsversuche unternimmt, spricht er mit vielen Falten auf der Stirn von seinen Sorgen über steigende Staatsschulden. Und von seiner Angst, dass bald Inflation ausbricht. Dass in Deutschland bald wieder fünf Millionen Leute ohne Arbeit zu sein drohen, scheint den deutschen Finanzminister weniger zu stören. In den Reden kommt das jedenfalls kaum vor.
Für die meisten Menschen auf der Welt wäre das ein Grund, ihren Minister in die Wüste zu schicken. In Deutschland scheint das kaum zu stören. Da ergeben Umfragen, dass der Minister noch einflussreicher werden sollte. Da steht man zu seinen Ängsten. Und dazu gehört mehr als anderswo die Angst vor steigenden Preisen. Selbst dann, wenn in Wahrheit fast alles billiger wird. Warum eigentlich? Hier eine sommerliche Spurensuche - zur Abwehr weiteren Schadens.
Natürlich ist Inflation blöd. Nur geht es um die Relationen. Als die deutsche Wirtschaft vergangenes Jahr immer offenbarer in die Rezession glitt, konterte Steinbrück bis zuletzt, man dürfe "keine Panik" verbreiten. Und er verkündete, dass er "die Probleme löst, wenn sie da sind". Bei der Inflation dagegen reicht offenbar der Anfangsverdacht eventuell künftig eintretender Gefahren. Und da scheint es plötzlich auch nicht schlimm, der preislabilen Bevölkerung ministeramtlich noch ein bisschen mehr Inflationsangst zu machen.
Lieber fünf Millionen Arbeitslose?
Nach EU-Umfragen rechnete über die vergangenen Jahrzehnte fast Monat für Monat ein deutlich größerer Teil der Deutschen mit steigenden Preisen als im Schnitt die anderen Europäer - obwohl die Deutschen de facto viel weniger Grund hatten und die Inflation bei anderen fast immer höher war. Die Preise sind hier seit 2002 nur halb so stark gestiegen wie bei Briten oder Amerikanern, obwohl die Teuerung auch dort alles andere als historisch hoch war.
Kurioser noch: Nach Umfragen der R+V Versicherung ist der Anteil der Deutschen, die sich vor Inflation ängstigen, seit 1991 von 34 auf 76 Prozent gestiegen - in einer Zeit, in der die tatsächliche Teuerung von anfangs fünf auf dauertiefe zwei oder weniger Prozent gesunken ist. Vergangenen Sommer hatten mehr Deutsche Angst vor steigenden Preisen als vor schwerer Erkrankung. Ein Land der Inflationshypochonder. Für ausländische Experten schwer nachzuvollziehen.
  • Aus der FTD vom 10.07.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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