Bis vor Kurzem schien ausgemacht, dass die Reformen am deutschen Arbeitsmarkt viel zu mickrig sind. Jetzt ist die Arbeitslosigkeit erstmals seit Jahrzehnten deutlich niedriger als im vorangegangenen Aufschwung - und schon hört man von wunderbaren Arbeitsmarktreformen. Kurios, aber wahr: Selbst das verteufelte Hartz IV entwickelt sich zum Hit unter den Späterklärungen.
Dabei wirkt spätestens das bei näherer Betrachtung gewagt. Nüchtern betrachtet gibt es bislang kaum Indizien dafür, dass die neu entdeckte Reform auch nur ansatzweise maßgeblich zum Jobwunder beigetragen hat. Ein Befund, aus dem sich möglicherweise auch ableiten lässt, was nötig wäre, um die Arbeitslosigkeit noch spektakulärer abzubauen.
Noch vor gut einem Jahr prophezeiten Ökonomen wie die Konjunkturleute des Hallenser IWH-Instituts, dass es wegen der anhaltenden "Verkrustungen" gar keinen richtigen Aufschwung am deutschen Arbeitsmarkt geben werde. Derweil befand Ifo-Chef Hans-Werner Sinn, dass der Reformbedarf "unverändert" sei, und die Forscher am Kieler Institut für Weltwirtschaft erklärten, dass Hartz IV die "Anreize zum Arbeiten" überhaupt nicht erhöht habe.
Umso erstaunlicher wirkt da, dass mittlerweile trotzdem fast eineinviertel Millionen Menschen weniger arbeitslos sind als Anfang 2005. Und dass das jetzt plötzlich irgendwie doch an Hartz IV liegen soll, wie Bundesbank und andere Experten in den vergangenen Tagen vermuteten. Die Arbeitslosen seien heute wegen des Drucks wohl "motivierter, eine neue Stelle zu bekommen", so Ifo-Konjunkturchef Gebhard Flaig. Immerhin seien seit 2006 - bei ähnlichem Wachstum wie im Aufschwung 1999/2000 - mehr Vollzeitjobs entstanden als damals, rechnen die Forscher am Nürnberger IAB-Institut vor.
Zumindest gewagt ist selbst dann allerdings die Vermutung, dahinter stecke Hartz IV. Wenn dem so wäre, müssten Stellen wegen des erhöhten Drucks auf Arbeitslose seit 2005 schneller besetzt werden als früher, vor allem mit Leuten, die länger arbeitslos sind. Was ja Sinn und Ziel war. Genau das ist bislang nicht erkennbar.
Die Zahl offener Stellen ist im Gegenteil selten so atemberaubend gestiegen wie seit 2005. Die Dauer, bis eine ausgeschriebene Stelle am ersten Arbeitsmarkt besetzt wird, schnellte im Schnitt von weniger als 40 auf fast 70 Tage hoch. Und der Anstieg ist diesmal auch nicht geringer - trotz Hartz IV -, sondern sogar stärker als im Aufschwung 2000. Damals blieben Stellen zu Bestzeiten weniger als 60 Tage vakant.
Es spricht auch nicht für eine wundersame Hartz-IV-Wirkung, wenn viele Firmen schon nach einem Jahr Aufschwung über Fachkräftemangel klagen. Zumal selbst Stellen, die auf Langzeitarbeitslose und Geringqualifizierte passen, heute nicht schneller besetzt werden. Die Zahl offener Stellen für Hilfsarbeiter ist in den vergangenen zwölf Monaten um 20 Prozent hochgeschossen - deutlich schneller sogar als bei allen anderen Stellen (kaum fünf Prozent). Im Moment brauchen die Betriebe fast 20 Tage (oder 50 Prozent) länger, um einen Hilfsjob zu besetzen. Der Zuwachs liegt bei allen Stellen im Schnitt nur halb so hoch.
Für den Jobboom liegen profanere Gründe nahe. Deutsche Firmen haben per saldo in der (jüngeren) Vergangenheit immer dann Beschäftigung geschaffen, wenn die Konjunktur lief und das Wirtschaftswachstum etwa zwei Prozent erreichte. Was lange nicht der Fall war. Der Jobaufbau ging Anfang 2006 los - als das Wachstum 1,9 Prozent erreichte und erstmals seit 2001 wieder gut über einem Prozent lag.
Was wirklich auffällt am aktuellen Jobboom, ist das Tempo, mit dem die Unternehmen Jobs schufen. Und welche. Nur dass sich auch das ohne Hartz-IV-Fantasien auflösen lässt. Umfragen deuten darauf hin, dass die Betriebe vor lauter Standortgejammer vom Aufschwung 2006 überrascht waren (laut Ifo besserte sich die Geschäftslage schneller, als alle vorangegangenen Erwartungen vermuten ließen) - und aus mangelndem Glauben erst mal zögerten, bis sie Leute einstellten.
Teil 2: Wunderbares Konjunkturexperiment