Aufschwunglehren Teil 2*
Deutschland hat 2006 einen eindrucksvollen Aufschwung erlebt. Noch beeindruckender ist, was diejenigen jetzt dazu sagen, die so etwas vor Kurzem noch für unmöglich hielten. Und die nun erklären, dass das ja völlig normal sei, so ein Aufschwung. Und dass er ja sicher auch wieder vorübergehe. So sei das halt. Basta.
Könnte sein, dass hier das eigentlich gravierende deutsche Problem liegt - und nebenbei eine Erklärung für die vielen heillosen Fehldiagnosen 2006. In Deutschland hat sich vor lauter komatösem Krisengerede eine merkwürdige Vorstellung davon festgesetzt, wie eine Wirtschaft funktioniert. Und eine grotesk platte Idee von Konjunktur. Die Deutschen könnten dringend mehr und bessere Konjunkturforscher brauchen. Weniger Grundsatzdenker und strukturkrisenbesessene Abstiegspropheten, die mit der Wirklichkeit 2006 ganz offenbar überfordert sind.
Stringent wie Ernas Häkelrunde
Wenn deutsche Großökonomen ordnungspolitische Grundsätze darlegen, steckt dahinter in der Regel hohe intellektuelle Anstrengung. Ähnliches gilt bei Modellen für Anreizsysteme am Arbeitsmarkt. Wenn es um Konjunktur geht, haben die Ausführungen dagegen eher die analytische Stringenz von Tante Ernas Käffchenrunde. Nur dass es da eben um esoterisches Häkeln geht und nicht um gesamtwirtschaftliche Auslastungsgrade.
Da lernen die Deutschen von Sachverständigen wie Wolfgang Wiegard derzeit via Talkshow, dass die Konjunktur nun einmal auf und ab gehe, als sei das himmlische Fügung, irgendwie unvorhersehbar und eigentlich auch egal. Wie die schönen Sinus-Kürvchen in der Zweitsemester-Vorlesung. Als gäbe es ein Lehrbuch, in dem steht, dass Krisen vier Jahre dauern, wie das in Deutschland gerade der Fall war - und Aufschwünge immer nur ein oder zwei. Eine eher schwache Ausrede dafür, dass die Professoren den Aufschwung im Grunde komplett übersehen haben.
Vor drei Jahren hat Ifo-Chef Hans-Werner Sinn noch gepoltert, dass "unsere Probleme wenig mit Konjunktur zu tun" haben, deutsches Wachstum trotz Exportboom "gering" bleibe (Basarökonomie) und die Arbeitslosigkeit "selbst bei einem Superboom" um "kaum mehr als eine halbe Million" sinken werde. Jetzt wachsen wir um fast drei Prozent, und die Zahl der Arbeitslosen ist schon in den ersten zehn Aufschwungmonaten um eine halbe Million gefallen. Dabei ist der Schwung noch gar nicht vorbei, wie selbst Sinn mit ungewohntem Hang zur Zuversicht seit jüngstem sagt. Nach neuer Ifo-Prognose gibt es bald eine Million weniger Arbeitslose.
Und? Jetzt hat der Münchner Esoterikfachmann herausgefunden, dass die deutsche Wirtschaft einfach immer in der zweiten Hälfte eines Jahrzehnts boomt. Hat zwar mit Ökonomie nichts zu tun, klingt aber irgendwie nach ganz wichtiger Regel. Vielleicht können wir unseren Aufschwung ja mal verlängern, wenn wir alle an Weihnachten tief aus dem Bauch "Omm" machen.
Für Sinn spricht, dass er seine Diagnose, sagen wir, feinjustiert. Bei den meisten liegt das Problem eher darin, dass sie sich für Konjunktur seit Jahren gar nicht mehr interessieren, nur noch für Strukturprobleme und Reformdruck. Nirgendwo haben Ökonomen und Anhang aus dem Scheitern überdrehter konjunktureller Vollsteuerungsversuche der 70er-Jahre so platt wie hier den Schluss gezogen, dass Konjunktur nun eben völlig egal ist. Deutsche Gründlichkeit: Früher war jedes Problem ein konjunkturelles. Jetzt gilt jede schlechte Wachstumsnachricht als Beleg für deutsche Standort- und Strukturschwächen - und Konjunktur ist immer dann, wenn es (vorübergehend) Wachstum gibt. Absurd.