Gut zwei Jahre lang ist Angela Merkel prima damit gefahren, die Konjunktur immer ein bisschen schlechter zu reden, als sie war. Da konnte man anschließend immer positiv überrascht sein. Jetzt hat unsere Kanzlerin zum ersten Mal gesagt, dass sie für Krisenangst keinen Grund sehe. Das sollte die Deutschen stutzig machen. Könnte sein, dass wir uns gerade jetzt Sorgen machen sollten.
Immerhin wäre es nicht das erste Mal, dass eine Bundesregierung genau im falschen Moment behauptet, es gebe keine Krisengefahr. Sie erinnern sich an Herrn Schröder. Der hat so etwas Ähnliches im Oktober 2001 gesagt - als die USA schon seit Monaten in der Rezession waren und Deutschland am Anfang der schlimmsten Arbeitslosenkrise seit Jahrzehnten stand.
Eine tückische Tradition, die vielleicht sogar erklärt, warum Rezessionen hierzulande immer viel länger gedauert haben als anderswo - und sich das bald schon wiederholen könnte.
In Deutschland gibt es nicht mehr Rezessionen als etwa in den USA. Der Unterschied ist, dass es bei uns endlos dauert, bis danach der Aufschwung kommt. Nach gängiger Messung hielten US-Rezessionen seit 1960 im Schnitt nicht einmal elf Monate an. Für Deutschland kommt das Economic Cycle Research Institute (ECRI) auf eine Abschwungdauer von desaströsen 28 Monaten.
Eine beliebte Erklärung dafür ist, dass der Arbeitsmarkt nicht flexibel reagiere. Zuerst dauere es länger als etwa in den USA, bis Leute entlassen werden, was die Sanierung der Unternehmen verschleppe; dann zögerten die Firmen länger, neue Leute einzustellen.
Das Ding ist nur: So richtig auflösen lässt sich die lange Abschwungdauer damit nicht. Immerhin schnellt die Arbeitslosigkeit in deutschen Rezessionen auch nicht viel langsamer hoch als in den USA. Und wenn die Konjunktur brummt, wie 2006/07 oder im Einheitsboom, stellen auch deutsche Firmen rasant neue Leute ein.
Viel schlimmer ist, dass Krisen erst ziemlich spät angegangen werden. Als Schröder im Oktober 2001 keine Rezession sah, steckte die deutsche Wirtschaft laut ECRI schon ein Dreivierteljahr im Abschwung. Da hatte die US-Regierung schon Monate vorher ihr erstes Konjunkturpaket verabschiedet. Bei Schröder dauerte es aber noch mal eineinhalb Jahre, bis er wenigstens eine Rede über Reformen bis zum Jahr 2010 hielt - die dem Namen nach in Deutschland ohnehin nicht sonderlich stark darauf angelegt waren, die akute Konjunkturkrise zu beheben.
Da hatte sich die Flaute längst verselbstständigt, hatte steigende Arbeitslosigkeit zu schwächelndem Konsum und schwächelnder Konsum zu mehr Arbeitslosen geführt. So eine Spirale lässt sich umso schwerer umkehren, je länger sie schon in Gang ist.
Was für Regierungen gilt, gilt auch für hiesige Notenbanker. Ob Bundesbank oder Europas Zentralbank: Die Währungshüter "lassen sich mehr Zeit", auf Konjunkturschocks zu reagieren, so Holger Schmieding, Europa-Chefökonom der Bank of America. Als die Bundesbank im Oktober 1974 die Zinsen erstmals wieder senkte, steckte die deutsche Wirtschaft laut ECRI schon seit 14 Monaten in der Krise. Anfang der 80er-Jahre kam die Lockerung sogar erst nach zweieinhalb Jahren Abschwung. (Die Inflation musste erst bekämpft werden, heißt es.) Zu Beginn der 90er-Jahre blieben die Bundesbanker trotz akuter Absturzsignale so lange stur, bis der Rest Europas unter der Hochzinspolitik dahinging und das Europäische Währungssystem implodierte. Obwohl die Rezession, die bereits in Gang war, kurz darauf ohnehin zu rapide purzelnden Inflationsraten führte.
Als 2001 die US-Notenbank Fed rabiat auf die Rezessionssignale nach dem Platzen der New-Economy-Blase reagierte, dauerte es in Europa noch vier Monate, bis auch die EZB - zärtlich - folgte. Das drastische Zinsenkürzen der Fed ahmte die EZB erst nach langem Zaudern 2003 nach. Da war es für Deutschland längst zu spät. Das erinnert bedenklich an die Lage heute: Nachdem die Fed ihre Zinsen schon bei den ersten Rezessionssignalen im Januar gesenkt hatte, räumen die Euro-Hüter mit atemberaubender Verzögerung erst jetzt allmählich ein, dass das Wachstum stark nachlässt.
Es ist kein Zufall, dass die Deutschen ihren dramatischsten Arbeitslosenschub (plus 1,5 Millionen) von 1980 bis 1983 erlebten, als Notenbank und Regierung so gut wie gar nicht auf die Rezession reagierten - und der Abwärtsspirale so freien Lauf ließen. Egal, ob das angesichts der Inflation der vorangegangenen Jahre unbedingt nötig war oder nicht. Die Inflation ging anschließend auch dort zurück, wo die Regierung (siehe die USA unter Reagan) konjunkturpolitisch stark gegensteuerte. Vielleicht hätte auch die deutsche Krise 2001 bis 2005 nicht so katastrophal ausfallen müssen, wenn es nicht einen Kanzler gegeben hätte, der Ende 2001 keine Krisengefahr sah.
Klar, noch ist nicht gesagt, dass Deutschland jetzt in eine ähnliche Flaute steuert. Merkel hat womöglich etwas mehr Grund zum Schönreden als ihr Vorgänger. Nur heißt das nicht, dass die deutsche Wirtschaft immun gegen alles ist. Gegen drastische Wettbewerbsverluste durch den teuren Euro. Oder gegen astronomische Öl- und Nahrungsmittelpreise. Anders als die deutschen Forschungsinstitute prophezeit der Internationale Währungsfonds den Deutschen für 2009 nur noch ein Prozent Wachstum. Wie zu Schröders Zeiten.
Es wäre prima, wenn die Kanzlerin es nicht unbedingt darauf anlegen würde, ihren Vorgänger im Übersehen von Konjunkturabstürzen zu übertreffen. Bei den Freunden in Amerika hat es zu Jahresbeginn gerade vier Wochen gedauert, bis der ersten Rezessionsangst das erste parlamentarisch verabschiedete Konjunkturpaket folgte. Ähnlich wie 2001, als solche Pakete offenbar stark dazu beitrugen, die Rezession nach gut einem halben Jahr wieder zu beenden. Wie groß das Risiko für einen deutschen Absturz diesmal ist - dazu mehr nächste Woche.
Thomas Fricke ist FTD-Chefökonom.
Mehr unter: www.ftd.de/wirtschaftswunder