Jenseits der deutschen Statistikwirren
Erst hieß es, der Aufschwung kommt. Dann kam die Alarmmeldung - zumindest von den Zentralorganen der deutschen Konjunkturforschung. "Nullwachstum statt Aufschwung" schrieb vergangene Woche die "Bild"-Zeitung. Der "Spiegel" befand, dass überhaupt von Erholung keine Rede sein kann. Jetzt meldet das Ifo-Institut erneut Rekordwerte fürs Geschäftsklima. Nanu.
Das Fatale ist, dass für die Abgesänge auf den Abschwung zwei, drei Nachrichten in den vergangenen Wochen reichten, mit denen man genauso gut belegen könnte, dass die Erde ein Gummibärchen ist: das mögliche Nichtwachsen auf Basis der ohnehin unsteten Quartalsdaten zum Bruttoinlandsprodukt Ende 2005 und das angeblich schlechte Weihnachtsgeschäft. Und witterungsbedingt steigende Arbeitslosenzahlen. All das symbolisiert näher betrachtet vor allem eins: wie einmalig wirr in Deutschland volkswirtschaftliche Statistiken genutzt werden - ein wahres Paradies für Gaukler.
Jedes Jahr das gleiche Leid
In keinem anderen großen Industrieland wird gemeldet, dass die Arbeitslosigkeit im kalten Januar - wieder einmal - höher war als im November oder Dezember. Das ist jedes Jahr so, weil Bauarbeiter wetterbedingt für kurze Zeit nicht arbeiten können. Mit dem eigentlichen Problem Arbeitslosigkeit hat dieser Effekt wenig zu tun (und kehrt sich im Frühjahr ebenso sicher wieder um). In den USA, Großbritannien, Frankreich, Japan und anderswo wird nur jene Arbeitslosenzahl wahrgenommen, bei der übliche Saisoneinflüsse herausgerechnet werden - um den eigentlichen Trend besser zu erkennen.
Paradox, aber wahr: Die Zahl der Beschäftigten wird saisonbereinigt, auch in Deutschland. Ebenso die Industrieproduktion oder das BIP. Nicht dagegen, sagen wir, die Verbraucherpreise, die gibt es in bereinigter Form nur in Fachpublikationen. Zu den deutschen Kuriositäten zählt, dass zwar die BIP-Quartalszahl, wie international üblich, um das kalenderbedingte Schwanken der Zahl der Arbeitstage bereinigt wird, nicht aber das Jahresergebnis. Fast nirgendwo würden Statistiker melden, dass das BIP - wie 2004 - stärker stieg, weil es wenig Feier- und umso mehr Arbeitstage gab; um dann 2005 den umgekehrten Kalenderfall zu melden.
All dies trägt seit Jahren dazu bei, dass in Deutschland besonders viel wirres Zeug über den Zustand der Wirtschaft verbreitet wird; jeder nimmt die Zahl, die ihm gerade passt. Völlig in Grund und Boden rechnen sich die Deutschen allerdings seit einem Jahr - seit es Rot-Grün zum einen fertig gebracht hat, via Hartz-IV-Umbuchung die Arbeitslosenstatistik ohne Not um ein paar Hunderttausend nach oben zu revidieren (für eine Regierung eher unüblich), ohne dass es deshalb einen Arbeitslosen mehr gab. Und seit es krude Umbuchungen gibt, etwa weil jetzt neue Stichtage zur Zählung gelten.
Zum anderen wundern sich Analysten seit ein, zwei Jahren, dass Statistiker fast monatlich atemberaubende Einbrüche im Einzelhandel melden und die Zahlen schon nach ein paar Wochen - weitgehend unbemerkt - drastisch nach oben korrigiert werden, weil Unternehmen erst verspätet ihre Umsätze melden.
Glück und Desaster zugleich
Fahrlässiger lässt sich die Lage eines Landes kaum klein rechnen. Der Europa-Chefökonom der Bank of America, Holger Schmieding, empfiehlt seinen finanzkräftigen Kunden bereits, amtliche Zahlen aus Deutschland einfach nicht mehr so ernst zu nehmen. Ein Glück - und zugleich ein Desaster angesichts der Bewegungen, die Daten an den Märkten auslösen.
Es würde lohnen, in Deutschland systematischer international gängige Standards zu nutzen und die Arbeitsmarktdaten ökonomisch wieder lesbarer zu machen. Nach anderswo üblicher Rechnung kämen seit Monaten eindrucksvoll gute Nachrichten vom deutschen Arbeitsmarkt: Jenseits der Sondereffekte und Umbuchungen ist die tatsächliche Zahl der Joblosen seit März 2005 um eine knappe Viertelmillion gesunken - enorm, was wirre Statistiken alles verbergen können. Das passt zu Umfragen, nach denen die Angst vor Arbeitslosigkeit seit Monaten nachlässt; und zu Schätzungen der HypoVereinsbank, wonach per saldo seit Sommer 2005 mehr als 100.000 sozialversicherungspflichtige Jobs entstanden sind.
Die späte frohe Weihnachtsbotschaft
Was für den Arbeitsmarkt gilt, könnte auch für Einzelhandel, Konsum und Wachstum gelten. Chefökonom Schmieding geht davon aus, dass es entgegen ersten Schätzungen gar keinen Rückgang im jüngsten Weihnachtsgeschäft gegeben hat. Das war auch 2004 so: Statt eines Einbruchs um gut zwei Prozent zeigte sich nach vollständiger Erhebung ein Plus von 2,5 Prozent zum Vorjahr. Eine groteske Rückrufaktion.
Wie öfter in den vergangenen Quartalen könnte das auch diesmal dazu führen, dass sich Meldungen von insgesamt sinkendem Konsum und von Nullwachstum als absurd erweisen. Im vierten Quartal 2004 wuchs der Konsum tatsächlich um 0,8 statt um zuerst gemeldete 0,2 Prozent. Fürs Frühjahr 2005 gab es wie jetzt auch zuerst Stagnationsmeldungen. Nach heutigem Kenntnisstand legte die Wirtschaft um 0,3 Prozent zu, weil der Konsum gar nicht schrumpfte wie zuerst geschätzt; im dritten Quartal ist er sogar um 0,3 Prozent gestiegen.
All das lässt sich nicht einzelnen Statistikern vorwerfen, die höchst gewissenhaft ihren Job machen und heute besseren Service bieten als manches Privatunternehmen. Und es wäre auch absurd, keiner Zahl mehr zu trauen. Das würde den Gauklern gefallen. Was fehlt, sind ökonomisch sinnvollere Vorgaben - von oben.
Es ist fahrlässig, dass Deutschland mitten im Umbruch nicht wirklich weiß, was in entscheidenden Bereichen der Wirtschaft passiert.
Thomas Fricke ist Chefökonom der Financial Times Deutschland.