Die Inflation droht sich zu verselbstständigen, der Aufschwung scheint robust. So haben Europas Währungshüter vor einem Monat begründet, warum sie trotz globaler Turbulenzen ihre Leitzinsen einsam und überraschend wieder anhoben.
Einen Monat ist das her. Und kurios, aber wahr: Seitdem haben fast im Stundenrhythmus die Zeichen zugenommen, dass sich Europas robuste Notenbanker heillos verschätzt haben - was den angeblich steigenden Inflationsdruck angeht, aber auch mit Blick auf die vermeintlich solide Wirtschaftslage. Ein Desaster. Bei der nächsten Ratssitzung am Donnerstag wäre Gelegenheit, ein "Mea culpa" abzugeben - und zur Entschuldigung die Zinsen am besten gleich wieder zu senken. Eine Übung, die Deutschlands Bundesbanker nach ähnlichen Fehltritten früher schon öfter machen mussten.
Als Jean-Claude Trichet die Zinswende Anfang Juni andeutete, orakelte der EZB-Chef noch, dass es zwar konjunkturelle Risiken gebe, die Kapazitäten der Wirtschaft aber ausgelastet seien, der Arbeitsmarkt mangels Arbeitskräften eher angespannt sei und das Wirtschaftswachstum "gemäßigt" anhalten werde.
So viel Treffgenauigkeit wünscht man als Prognostiker seinen schlimmsten Feinden. Seit Trichets Diagnose gibt es aus Deutschland, Frankreich und Italien kaum noch Umfragen, die nicht Panikschübe registrieren: bei Verbrauchern wie Unternehmen. Der Wirtschaftsklimaindex für die Euro-Zone fiel in zwei Monaten um fast zehn Prozent, wie in der Rezession 2002/03. Von wegen ausgelastet: Die Nutzung der Kapazitäten sei "scharf gesunken", so Holger Schmieding, Chefökonom bei der Bank of America. Eigentlich kein Wunder bei einem Ölschock, teuren Euro-Kursen und weltweit nachlassender Dynamik. Der Aktienindex EuroStoxx verlor seit Juni 13 Prozent. Das Rezessionsrisiko steigt. Euro-Tower, bitte melden.
Nach einer Umfrage im FTD-Konjunkturschattenrat* sagen fast zwei Drittel der Chefökonomen und Konjunkturchefs, dass die EZB den Abschwung unterschätzt hat - ein beschämender Befund, zumal der Zinsentscheid gerade vier Wochen her ist.
Jetzt könnte man sagen, dass die Euro-Hüter trotzdem irgendwie recht hatten, weil sie ja ausschließlich die Inflation bekämpfen sollen - egal, was das fürs Wachstum bedeutet. Und weil ja Zweitrundeneffekte drohten, da die Leute teures Benzin durch mehr Lohn ausgleichen.
Auch das wirkt jetzt eher absurd. Wenn in den Unternehmen wieder Kürzungspläne kursieren, lässt der Mut rasch nach, höhere Löhne zu fordern. Und wenn die Kapazitätsauslastung drastisch sinkt, fehlt auch den Firmen bald die Kraft, Kunden höhere Preise aufzudrücken. Bei Konjunkturabstürzen lässt die Inflation früher oder später automatisch nach. Das könnte erklären, warum außer Öl schon im Juni und Juli kaum noch etwas teurer wurde. Die Kerninflation - ohne Energie und Lebensmittel - liegt unbekümmert bei 1,8 Prozent, in Deutschland sogar unter einem Prozent. Man muss einen Hang zu Hysterie haben, um in einem solchen Umfeld neue Inflationsdekaden zu beschreien.
Hinzu kommt, dass exakt seit dem Tag der EZB-Zinserhöhung die vormals inflationstreibenden Ölpreise plötzlich atemberaubend sinken: um jetzt 25 $ je Barrel. Ein Trend, der bisherige Inflationsprognosen umhaut.
Noch Anfang Juni mühte sich der EZB-Chef, die Zinserhöhung damit zu begründen, dass die Inflation wohl lange noch über drei Prozent bleibe und erst 2009 "allmählich" zurückgehe. Überholt: Selbst wenn der Ölpreis jetzt zu sinken aufhöre, werde die Euro-Inflation nächsten Februar nur noch bei 2,7 Prozent sein - und schon Mitte 2009 wieder unter der EZB-Wunschobergrenze von zwei Prozent, prophezeit Schmieding.
Das Ergebnis hat etwas Groteskes: Anfang Juli wollte die EZB Zweitrundeneffekte bekämpfen. Ende Juli ist bei nachlassender Kernteuerung nicht mal sicher, ob es noch Erstrundeneffekte gibt. Das kommt davon, wenn man Inflationsbekämpfung an Ölpreistrends und -prognosen ausrichtet. Die können binnen Tagen kippen.
Es wäre nett, wenn nach derart verkorksten Prognosen auch Monsieur Trichet jetzt seinen Kurs ändern würde. Die Zinsanhebung war mit hoher Wahrscheinlichkeit im Kampf gegen Inflation unnötig - und aus konjunktureller Sicht grob fahrlässig. Gut möglich, dass die Zinserhöhung dazu beitrug, im Juli gerade im Euro-Raum die Stimmungsindikatoren so atemberaubend abstürzen zu lassen. In den USA, wo die Zentralbank cool blieb, geschah das Gegenteil.
Schwacher Trost: Europas Zentralbanker bewegen sich diesbezüglich in der Tradition der Bundesbank. Als die deutschen Währungshüter vor ziemlich genau 16 Jahren, im Juli 1992, entgegen allerlei Warnung und trotz akuter konjunktureller Absturzsignale ihre Zinsen auf Rekordniveau hoben, krachte kurz darauf das Europäische Währungssystem. Und die Frankfurter Rambo-Zentrale musste kehrtmachen und die Zinsen wieder senken. Ähnlich wie bereits beim Börsencrash von 1987.
Wäre schön, wenn die Deutschen Jürgen Stark und Axel Weber, die im Juni noch am lautstärksten nach höheren Zinsen riefen, die Tradition diesbezüglich aufrechterhielten - und den Zinsschritt rückgängig machen, wie es jeder zweite Experte im FTD-Konjunkturschattenrat bereits fordert. Nächsten Donnerstag im europäischen Zentralbankrat. Das wäre wahre Größe.
Vielleicht brauchen Notenbanker aber auch per se mehr Fehlerkontrolle. Fortsetzung folgt.
Thomas Fricke ist Chefökonom der FTD. Er schreibt freitags an dieser Stelle. Mehr unter: www.ftd.de/wirtschaftswunder