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Wir wussten aus seiner Biografie, dass John McCain ein Draufgänger ist: Rebellion und Risiko sind seit Kindheitstagen sein Lebenselixier, wie die Mutter Roberta uns versichert. Umso beeindruckender war die Disziplin, mit der McCain in letzter Zeit Wahlkampf machte. Ganz gegen seine Neigung hielt sich der Präsidentschaftskandidat der Republikaner strikt an die Sprechzettel, die seine Wahlkampfstrategen ihm vorlegten. Ein politisch nach rechts glatt geschliffener Republikaner McCain blieb konsequent on message, "auf Botschaft", wie man im Jargon der amerikanischen Politik sagt. Die Journalisten trauerten dem alten Freigeist nach, doch in den Umfragen zahlte sich die harte Wahlkampfregie aus. Der Rückstand McCains auf seinen demokratischen Kontrahenten Barack Obama schrumpfte, und die Perspektive eines republikanischen Erfolgs am 4. November scheint nicht mehr illusorisch.
Auf einen Schlag hat McCain vergangene Woche demonstriert, dass die Vorsicht Firnis war und der Hang zu Risiko und Vabanquespiel zu einer Grundmelodie seiner Präsidentschaft würde. Die Nominierung der außerhalb Alaskas fast völlig unbekannten, außenpolitisch unbeleckten Gouverneurin Sarah Palin als Kandidatin für die Vizepräsidentschaft ist so kühn, dass einige namhafte republikanische Kommentatoren die Wahlkampfsolidarität fahren ließen und McCain so heftig kritisierten, als trete der für die Demokraten an.
Wahlkampftaktisch versperrte sich McCain mit der Auswahl Palins jede weitere Möglichkeit, dem charismatischen Obama glaubwürdig mangelnde politische Erfahrung anzulasten - eine Kritik, die den Kern seiner bisherigen Wahlkampfstrategie gebildet hatte. Stattdessen setzt der Senator nun alles daran, den Teil der Wählerschaft zu gewinnen, der Washington primär als Sündenpfuhl sieht und Palin klasse findet, weil sie das Traumbild der superaktiven, frisch-fromm-fröhlich amerikanischen Ehefrau und Mutter verkörpert.
Palin soll Christen, Jäger und Abtreibungsgegner begeistern und dazu noch die Stimmzettel enttäuschter Anhänger Hillary Clintons erobern, die es nicht verwunden haben, dass die Demokraten auch dieses Mal wieder mit zwei männlichen Spitzenkandidaten in den Wahlkampf ziehen. Zum Kriegshelden McCain, dem tapferen Marineflieger aus der amerikanischen Oberschicht, bildet Palin ein volksnäheres Mittelschichtspendant. Vor allem auf weiße amerikanische Wähler könnte das Paar McCain-Palin eine ähnliche Anziehungskraft ausüben wie der Kandidat Obama auf die in diesem Wahlkampf wie nie zuvor mobilisierte schwarze Wählerschaft.
Palins Nominierung ist dennoch ein enormes Risiko - und zeigt, dass McCain bereit ist, den Rat von Experten zu ignorieren, Anhänger zu schockieren und alles auf eine Karte zu setzen. Der Wahlforscher Charles Cook, einer der besten Analysten der US-Politik, brachte es auf den Punkt: "Die Entscheidung für Palin war entweder brillant oder ein Fehlgriff gewaltigen Ausmaßes." Sollte Palin in der Fernsehdebatte mit ihrem Kontrahenten, dem außenpolitisch erfahreneren demokratischen Vizepräsidentschaftskandidaten Joe Biden, versagen, könnte das im Extremfall McCain die Präsidentschaft kosten. Es gibt zwar die alte Faustregel, dass der Nebenwahlkampf der Vizepräsidenten in spe bei der Entscheidung der Wähler keine Rolle spielt. Doch die bietet McCain womöglich wenig Schutz, wenn die Demokraten am Beispiel Palins nachweisen können, dass die Gouverneurin von Alaska schwere außenpolitische Lücken aufweist und McCain somit die nationale Sicherheit der USA aufs Spiel setzt.
Teil 2: Warum die Auswahl Palins ein schlechtes Licht auf die USA wirft