Wir müssen nicht lange darüber rätseln, mit welcher Megakrise unsere Generation in den nächsten Jahrzehnten zu kämpfen haben wird: Das erschreckend rapide Abtauen der arktischen Eismassen lässt der Fantasie leider keinen Raum.
Der Klimawandel findet nicht mehr nur in der Luft und in den Debatten von Wissenschaft und Politik statt. Er hat die Erde erreicht - mit einer Wucht, die die schwärzesten Prognosen der Klimaforscher übertrifft.
Man konnte noch trefflich darüber streiten, ob die Verwüstung von New Orleans durch den Hurrikan "Katrina" als Folge des Klimawandels zu sehen sei oder nicht. Und einige haben das in den USA von George W. Bush auch getan. Man konnte als nicht-skifahrender Flachlandbewohner kopfschüttelnd über das Abschmelzen der Alpengletscher lesen, ohne sich richtig betroffen zu fühlen.
Aber die jüngste Prognose der Nasa, von den gewaltigen Eismassen der Arktis werde womöglich in dreißig Jahren nichts mehr übrig sein, hat eine andere Qualität. Das ewige Eis am Nordpol gehört in unsere Landschaft wie die Pyramiden zu Ägypten und die Wolkenkratzer zu New York: Man kennt sie, ohne je dort gewesen zu sein. So etwas verschwand bisher nur in Katastrophenfilmen, die man sich im Kino aufgeregt oder eher gelangweilt ansieht, um dann nach einem Bier auf dem Heimweg unter die Bettdecke zu kriechen.
Leben mit der Katastrophe
Angesichts des Ausmaßes des über uns hereinbrechenden Desasters ist es unfassbar, dass der Klimawandel in der Politik noch immer eher ein Thema für die Konferenz am Sonntag ist als der Fokus unseres öffentlichen Handelns.
In London haben sich vergangene Woche die Führer der wichtigsten Länder der Welt getroffen, um über den Kampf gegen die Wirtschaftskrise zu sprechen. Auch das rituelle Bekenntnis zum Klimaschutz findet sich selbstverständlich im Schlusskommuniqué. Ende dieses Jahres soll dann die Weltgemeinschaft in Kopenhagen zusammentreffen, um aufbauend auf der jüngsten Klimaschutzkonferenz in Bonn ein Nachfolgeabkommen für den Kioto-Vertrag zu finden - diesen ersten gänzlich gescheiterten Versuch, die Erderwärmungskatastrophe substanziell abzumildern.
Schon jetzt rechnen viele Insider nicht mehr damit, dass ein radikal ambitionierter Klimavertrag in diesem Jahr oder überhaupt jemals gelingt. Manche Energieexperten raten im Namen des Realismus bereits dazu, weniger den Kampf gegen den Klimawandel in den Mittelpunkt zu stellen und stattdessen über Notprogramme wie Deichbau und Umsiedlungen nachzudenken, um ein Leben mit der Klimakatastrophe vorzubereiten.