Wenn ein deutscher Parlamentarier auf Staatskosten nach Brasilien fährt, um Kontakte zu knüpfen und die Verhältnisse vor Ort in Augenschein zu nehmen, ist der Verdacht leichtfertigen Umgangs mit Steuergeld ein ständiger Reisebegleiter. Politische Aufmerksamkeit in Europa genoss Brasilien bis vor relativ kurzer Zeit vor allem als Land erschreckender Kriminalität und gewaltiger Inflation. Ansonsten steht das Land für Copacabana und Zuckerhut, für Karneval und Favelas. Exotik-Liebhaber kennen darüber hinaus vielleicht noch Afro-Religionen wie Candomblé, wissen von Orten wie Blumenau und Manaus.
Doch das Bild hat sich verändert, seit der brasilianische Präsident Luiz Inácio Lula da Silva 2002 die Wahlen gewann. Die Amtszeit des früheren Gewerkschaftsführers ging einher mit einem intelligenten Ausbau des Sozialstaats, einer geschickten Wirtschafts- und Finanzpolitik, die Brasiliens Wirtschaft in Anknüpfung an die Politik seines Vorgängers Fernando Henrique Cardoso zu einer der solidesten des Kontinents gemacht hat. Die globale Wirtschaftskrise trifft auch Brasilien, doch es gibt Grund für die Annahme, dass es die Krise besser meistern könnte als viele andere Schwellenländer.
Brasiliens ökonomischer Aufschwung wurde auch im Westen registriert. Viel weniger Aufmerksamkeit hat dagegen die rege außenpolitische Aktivität bekommen, die der machtbewusste Lula in seinem Heimatkontinent wie rund um den Globus an den Tag gelegt hat.
Portugiesen und Spanier reichen nicht
Brasiliens Diplomatie hat die Wirtschaftsmacht des Landes genutzt, um auf allen Kontinenten Präsenz zu zeigen. Bei den Verhandlungen über die Liberalisierung des Welthandels hat sich Brasilien als Führungsmacht etabliert und mehrfach erfolgreiche Koalitionen gegen die Vorherrschaft von US-Amerikanern und Europäern geschmiedet. Diplomatische Kopfschmerzen bereitet Brasilien den Europäern auch in der Uno, wo es bei manchen Abstimmungen in Menschenrechtsfragen lieber mit der islamischen Welt votiert als mit den großen westlichen Demokratien. Lula baut sein Militär kräftig aus und etabliert sich zunehmend als Vormacht in Südamerika.
Es könnte sich als einer der großen Fehler der europäischen Außenpolitik herausstellen, den Aufschwung Brasiliens zu einer Wirtschaftsmacht verschlafen zu haben. Selbstverständlich unterhält die Europäische Union mit Brasilien einen Dialog; es gab bisher zwei Gipfel, einen 2007 unter portugiesischer EU-Präsidentschaft, einen zweiten im vergangenen Dezember. Die EU und Brasilien haben vereinbart, ihre Beziehungen auszubauen.