Man liebt in den USA schnelle Ergebnisse und klare Verhältnisse, ruft flink Sieger und Verlierer aus. Doch Amerikaner schätzen auch den Mut derjenigen, die nicht aufgeben. Hillary Clinton hat gekämpft, als man sie abschrieb, angegriffen, als viele ihr nahelegten, das Feld zugunsten Barack Obamas zu räumen. Die Wähler haben sie am Dienstag nicht im Stich gelassen.
Die Zähigkeit der Senatorin, ihre Standhaftigkeit in Zeiten größter Belastung, könnten ihr bestes Argument werden, wenn es im Juli in Denver darum geht, die Parteidelegierten auf ihre Seite zu ziehen. Clinton wird Argumente brauchen, weil die Zahlen trotz ihrer gestrigen Siege weiter gegen sie sprechen dürften. Obama liegt in der Delegiertenzahl fast uneinholbar vorn, und die Arithmetik und Dynamik der kommenden Vorwahltermine arbeiten ihm zu.
Der Kampf um die demokratische Nominierung wird härter, womöglich schmutziger werden. Clintons revitalisiertes Wahlkampfteam wird alles daransetzen, den Senator aus Illinois in der Defensive zu halten. Obamas Saubermann-Image dürfte Schaden nehmen, wenn die Presse erstmals die Scheinwerfer länger auf die problematischen Kontakte des Senators gerichtet hält. Denn der bietet Angriffsflächen. Er ist Mitglied einer schwarzen Kirchengemeinde in Chicago, deren Führer Nähe zu schwarzen Rassisten gepflegt haben. Der Korruptionsprozess gegen einen früheren Förderer Obamas, den Bauunternehmer Tony Rezko, steht bevor.
Tief gehende parteipolitische Zäsur
Der republikanische Vorwahlkampf ist mit dem Rückzug von Mike Huckabee zugunsten John McCains auch formell entschieden. Der dramatische Kampf zwischen zwei demokratischen Ausnahmepolitikern hat den Blick darauf verstellt, dass McCains Kandidatur ebenfalls eine Zäsur bedeutet - einen Bruch in der Positionierung der Republikaner, der in parteipolitischer Hinsicht tiefer gehen könnte als das Kultur- und Gesellschaftsgeschichte schreibende Nominierungsduell bei den Demokraten.
Clinton und Obama sind politisch gesehen konventionelle Demokraten, angesiedelt in der linken Mitte der eigenen Partei. McCain ist der erste Präsidentschaftskandidat der Republikaner seit Langem, der seinen Aufstieg gegen den Widerstand des kulturkämpferischen, aggressiv nationalistischen Flügels der republikanischen Partei erkämpft hat und erkämpfen konnte. Anders als bei den Führungsfiguren der jetzigen Regierung ist bei ihm der Fernseher nicht auf Fox News, den Propagandakanal der Rechten, sondern auf MSNBC geschaltet - wer die USA kennt, weiß, wie viel das sagt.
In der Außenpolitik ist der Senator ein ausgesprochener Falke, der den Konflikt mit dem islamischen Fundamentalismus als ganz persönliche Herausforderung begreift. In Europa sähen nicht wenige Regierungen seine Wahl mit Sorge. Doch politisch und kulturell gehört der Sohn und Enkel hoher Marineoffiziere zu dem lange Zeit marginalisierten patrizischen Typus klassischer Republikaner, denen die eifernden Prediger der republikanischen Rechten politisch und persönlich ein Gräuel sind.
McCain hat seine Verachtung für die Extremisten seiner Partei so oft und so offen dokumentiert, dass eine Ikone der Rechten wie Ann Coulter zur größten Verdatterung ihrer Anhänger plötzlich politische Zuneigung für Hillary Clinton proklamierte. Er ist der harten Rechten seit einigen Jahren etwas entgegengekommen, indem er frühere Kritik unterließ, sich mit einigen Evangelikalen versöhnte und sich in Wahlkampfspots als Konservativer darstellte. Doch die gegenseitige Abneigung ist tief und echt.
Genau diese Distanz zu dem, was aus der Partei nach dem Aufstieg evangelikaler Fundamentalisten zur politischen Kraft geworden ist, macht McCain jetzt zum besten Kandidaten, den die Republikaner ins Feld führen konnten. Man kann seine Meinungen kritisieren oder ihm vorwerfen, dass er wie jeder erfolgreiche Politiker Kompromisse zwischen inhaltlicher Integrität und politischem Erfolg oder Überleben schloss. Doch der von Obama oft wiederholte Vorwurf, McCain biete nur die Fortsetzung der gescheiterten Politik von George W. Bush, geht an der Realität vorbei: McCain hat sich der Politik des Präsidenten wie der seiner eigenen Parteifreunde zu oft widersetzt, um nicht den Anspruch verkörpern zu können, er stehe für einen Wandel.
Mehr Erfahrung als Clinton und Obama
Die vergangenen Monate haben gezeigt, wie ungewöhnlich unzuverlässig Umfragen derzeit bei der Einschätzung des amerikanischen Wählerverhaltens sind. Doch sie bestätigen die insgesamt plausible Annahme, dass McCain speziell bei Wechselwählern hohes Ansehen genießt. Der als Gefangener in Vietnam schwer gefolterte Marineflieger ist ein Kriegsheld, was ihm im patriotismusbegeisterten Amerika weitere Pluspunkte verschaffen dürfte. Und er ist dank langer Senatskarriere unbestritten politisch erfahrener als Clinton oder Obama. Mit McCain bieten die Republikaner jedem unabhängigen Wähler einen Kandidaten, der eine anständige, für viele wählbare Alternative zum demokratischen Kontrahenten bieten wird.
Niemand weiß, wie viele Amerikaner es sind, die sich am Wahltag entscheiden werden, unbesehen der politischen Inhalte lieber einen weißen Mann statt einer Frau oder des Sohnes eines Kenianers zum Oberbefehlshaber der Streitkräfte, ersten Würdenträger und mächtigsten Menschen der Nation zu wählen. Es dürften in jedem Fall einige sein, so wie es auch in Europa vermutlich nicht wenige wären.
McCain bietet allen, die Bedenken hegen wegen Obamas Erfahrungsmangel, Clintons First-Lady-Vergangenheit, der Positionen der Demokraten, des anderen Geschlechts oder der anderen Hautfarbe von deren Kandidaten, eine Alternative, die nach vielen Kriterien nicht die schlechteste ist. Wir Europäer tun gut daran, uns bei aller Faszination für Clinton und Obama auch darauf vorzubereiten, dass der US-Präsident wieder ein Republikaner wird.
Thomas Klau ist FTD-Kolumnist. Er leitet die Pariser Vertretung des European Council on Foreign Relations.