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FTD-Serie: Thomas Klau - Die Kolumne

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Merken   Drucken   30.05.2007, 18:22 Schriftgröße: AAA

Kolumne: Thomas Klau: Die Retronation

Die USA sind auf ihre Gründungsmythen fixiert. Das stabilisiert sie - und macht sie ignorant gegenüber der Welt.
von Thomas Klau

Am Anfang der Geschichte der Vereinigten Staaten - vor genau 400 Jahren in Virginia und wenig später auch in Neuengland - trieben Sektierertum und Abenteuerlust, Religion und Gier die Einwanderer nach Amerika. Im 19. Jahrhundert wurde Armutsflucht zum dominierenden Migrationsmotiv, und das ist es heute noch. Andere, noch Bedrängtere, hatten keine Wahl: Sie kamen, um Leib und Leben vor Verfolgung zu retten.

All das prägt die USA bis heute, bestimmt ihre politische Sprache, begründet ihr Selbstgefühl, wie man nicht nur an der großzügigen Aufnahme legaler und illegaler Migranten sieht. Doch die Migrationsgeschichte, der anhaltende und schöne Stolz darauf, ein Ort der Zuflucht zu sein, erklärt die besondere Selbstwahrnehmung der USA nur zum Teil.

Auch Brasilien und Argentinien, Kanada und Australien sind Einwandererstaaten. Brasiliens Schmelztiegel ist vielleicht noch erfolgreicher als der nordamerikanische. Nur in den USA besteht indessen die historisch ungebrochene Anknüpfung an eine Gruppe von Gründervätern, die zu den besten politischen Denkern und Akteuren ihrer Zeit und unserer Zivilisation gehören. Was Jefferson und Adams, Hamilton und Washington getan und konzipiert haben, trägt und glänzt bis heute: Die USA sind mit dem großartigen Zeitalter der Aufklärung unmittelbarer verbunden als jeder andere Staat dieser Welt.

Von Washington bis Wayne

Wir haben uns in Europa seit Generationen daran gewöhnt, die USA als junge Nation zu betrachten. Dabei übersehen wir aus Bequemlichkeit leicht, dass die Vereinigten Staaten zugleich die älteste der heutigen Republiken sind. Der Pioniermythos hat die Außenwahrnehmung der Vereinigten Staaten stärker geprägt als alle anderen: John Wayne überlagert George Washington.

Doch die USA selbst beziehen ihren Stolz und das Gefühl ihres besonderen Auftrags mindestens ebenso sehr aus der Leistung ihrer politischen Gründerväter. Das zeigt sich in Monumenten wie dem Jefferson Memorial in der Hauptstadt Washington DC, im Umgang mit der Verfassung oder mit der Unabhängigkeitserklärung, die beide in den USA quasisakralen Rang haben.

Der Respekt vor dem eigenen Erbe ist für die USA unübersehbar eine Quelle der Kraft und der Stabilität. Er hat geholfen, die Erschütterung eines vierjährigen, fürchterlichen Bürgerkriegs zu überstehen, der drei Prozent der Bevölkerung das Leben gekostet hat. Er hat die Vereinigten Staaten auch in ihren innenpolitisch düstersten und ängstlichen Zeiten davor bewahrt, die Autorität des Obersten Gerichts zu ignorieren.

Die amerikanische Republik war in den 220 Jahren ihrer Geschichte nicht immer ein Vorbild - aber sie hat Einbrüche wie die Depression der 30er-Jahre überstanden, ohne der totalitären Versuchung zu erliegen; sie hat den McCarthyismus im Nachkrieg überstanden; und sie wird auch das überwinden, was der gegenwärtige Präsident im Umgang mit Grundwerten und Grundrechten angerichtet hat.

Weiterlesen: Die merkwürdige Folge des In-sich-Ruhens

  • Aus der FTD vom 31.05.2007
    © 2007 Financial Times Deutschland
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