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Merken   Drucken   25.02.2009, 18:22 Schriftgröße: AAA

Kolumne: Thomas Klau - Ein Nachruf auf den Liberalismus  

Die neoliberale Revolution stirbt nach drei Jahrzehnten an Realitätsverlust. Die Politik hat bei der Aufgabe versagt, der globalisierten Wirtschaft eine Ordnung zu geben - es ist Zeit für eine neue Weltordnung. von Thomas Klau
Der Siegeszug des nun vor unseren Augen implodierenden Marktliberalismus begann vor 30 Jahren. Zuvor hatte die Mehrheit der westlichen Konsumenten sich geweigert, auf den von den Opec-Staaten per Energieerpressung erzwungenen Wohlstandstransfer zur arabischen Welt mit Lohnverzicht zu reagieren. Ideologie triumphierte über Vernunft: Drei Jahrzehnte nach Ende des Weltkriegs empfand man Einkommenswachstum als verbrieftes Recht, obwohl die Verteuerung der Energie vorübergehenden Wohlstandsverzicht erfordert hätte. Die westlichen Wirtschaften gerieten flugs aus dem Lot. Die linksinspirierte Umverteilungsideologie der Nachkriegsjahrzehnte zerbrach unter dem Ansturm einer neoliberalen Konterrevolution, die für sich beanspruchen konnte, Vernunft, Wachstum und Wohlstand zurückzubringen.
Es waren damals vor allem die Anspruchshaltung und Realitätsblindheit der Bezieher kleinerer und mittlerer Einkommen, die zur Implosion des alten Modells und zum Sieg einer konservativen Bewegung führten. Ihre Protagonisten waren Friedman, Thatcher und Reagan.
Diesmal sind es die Verantwortungslosigkeit und Anspruchshaltung des Geldneuadels sowie die Realitätsblindheit der politisch Verantwortlichen, die den Tod der neoliberalen Ideologie verursachen. Das Denken über die Konsequenzen steht erst am Anfang - da jetzt der Orkan tobt und es darum geht, das Kentern des Schiffes zu verhindern. Doch der Sturm wird sich legen, und die Passagiere werden sich an die Offiziere wenden und verlangen, dass man die alten Navigationsinstrumente im Meer versenkt. Die Offiziere sollten das tun und dankbar sein, dass unser Zeitalter ein relativ mildes ist. Das Versagen einer Oberschicht wurde vor gar nicht langer Zeit noch mit der Guillotine gesühnt.
Abgrund von politischen Risiken
30 Jahre Umverteilung, 30 Jahre Liberalismus - es ist kein Zufall, dass Ideologien in solchen Zeiträumen scheitern. Jahrzehntelanger Erfolg macht blind für neue Gegebenheiten. Vor 30 Jahren waren es die Ölpreisschocks, die den Korrekturschock auslösten. Jetzt hat ein neuartiger Mix aus innovativer Finanztechnologie und deregulierter Kreditvergabe einerseits sowie leeren amerikanischen und vollen chinesischen Sparbüchsen andererseits die Welt an den Rand des marktwirtschaftlichen Zusammenbruchs manövriert. Unser Wachstum war auf Vertrauen in die Tragfähigkeit von Kreditsand schlechtester Qualität gebaut. Der Abgrund von ökonomischem und politischem Risiko, der sich nun auftut, ist für jede Gesellschaft unerträglich. Er muss geschlossen werden, auch um den Preis radikaler Reformen.
  • Aus der FTD vom 26.02.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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