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Merken   Drucken   11.03.2009, 17:58 Schriftgröße: AAA

Kolumne: Thomas Klau - G2 statt G20  

Amerika und China brauchen einander wie nie zuvor. Europa muss schauen, dass es nicht an den Rand gedrängt wird. Wenn die Europäer ihr Gewicht nicht bündeln, wird es ihnen wie den Briten ergehen. von Thomas Klau
Aus der Finanzkrise wurde eine Wirtschaftskrise, die jetzt in eine Sozialkrise mündet, wie sie der reichere Teil der Welt seit den Nachkriegsjahren nicht mehr erlebt hat. In den meisten Ländern Europas wird Armut vom Sozialstaat abgefedert, auch wenn dessen Leistungen wie in Deutschland eingeschränkt wurden und nicht mehr garantiert ist, dass der Mensch mehr zum Leben hat als schlechte Nahrung und ein geheiztes Zimmer.
In den USA aber führt die Implosion des Finanzsektors zu sozialen Folgen, die sich in das Gedächtnis einer Generation einprägen werden. Ein Freund von mir, der in Washington als Journalist arbeitet, recherchierte kürzlich in Ohio eine Reportage über Amerikaner, die älter als 75 Jahre sind und wegen des Zusammenschmelzens ihrer staatlich geförderten, aber finanzmarktgestützten Altersversorgung Arbeit suchen müssen. Da ist die 78-jährige frühere Sozialarbeiterin, die bereit ist, für 5 $ pro Stunde an der Supermarktkasse Lebensmittel einzutüten. Oder der bald 80-Jährige, der auf sein Durchhaltevermögen und seine Managerqualitäten verweist.
Es ist großartig, wenn alte Menschen weiterarbeiten können, wenn sie fit genug sind und es wollen. Es ist grausam und war in unseren Gesellschaften bisher fast unvorstellbar, wenn gut ausgebildete Menschen in hohem bis sehr hohem Alter miserabel bezahlte Jobs annehmen, um ihre Kalorien nicht von der Suppenküche beziehen zu müssen. Hier ist mehr eingestürzt als eine realitätsblind gewordene, materiellen und spekulativen Exzessen fröhnende Finanzwelt. Es ist ein Wirtschafts- und fast ein gesamtes Zivilisationsmodell, das zu versagen droht, sollte es den Regierungen nicht gelingen, die Krise im kommenden Jahr einzudämmen.
Washington bleibt das neue Rom
Am stärksten getroffen wird die Glaubwürdigkeit des Modells USA. Privat und kollektiv haben die Amerikaner ein Leben auf Pump gelebt, das zu einem großen Teil aus den hart erwirtschafteten und hart ersparten Überschüssen der aufstrebenden Macht China finanziert wurde. In China, wo es bis jetzt kaum einen Sozialstaat gibt, beträgt die Sparquote der Privathaushalte im Durchschnitt 40 Prozent. Die Weltwirtschaftskrise wirft ein grelles Licht auf die Abhängigkeit der alten Macht im Westen von der neuen Macht im Osten - auch wenn Gläubiger und Schuldner in einer Schicksalsgemeinschaft verzahnt sind, weil der Ruin des einen für den anderen zwar einen Machtgewinn, aber auch einen riesigen Geldverlust bedeuten würde.
Washington ist das neue Rom, wie Architektur und Name des Kapitols, aber auch das Verhalten von Europäern und anderen verrät, wenn sie dem Senat und dem Cäsar im Weißen Haus ihre Aufwartung machen. Auch in der Krise ist Washington immer noch Rom, aber es ist das Rom des vierten und vielleicht sogar schon des fünften Jahrhunderts - und die Barbaren sind nicht nur vor den Toren, sondern schon in der Stadt. Die Barbaren sind dieses Mal keine Vandalen, sie sind Emissäre eines Landes mit jahrtausendealter Hochkultur. Fremd sind ihre Sitten trotzdem, denn sie mögen keine Demokratie. Anders als damals der Gote Alarich kommen die Chinesen aber nicht, um Geld zu holen, sondern um es zu bringen.
  • Aus der FTD vom 12.03.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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