"Argwöhnische Beobachtung ist geboten, weil sich keine Demokratie ein Marktversagen auf diesem Sektor leisten kann." So äußerte sich Deutschlands führender Philosoph und Gegenwartskritiker Jürgen Habermas schon 2007 zur Krise der Printmedien. "Seriöse Presse", schrieb Habermas in der "Süddeutschen Zeitung", sei das "Rückgrat der politischen Öffentlichkeit". Ohne sie fehlten der demokratischen Debatte die Energie und die Konzentration auf beherrschende Themen, die für das politische Handeln notwendig seien.
Seit Habermas vor bald zwei Jahren Alarm schlug, hat sich die Lage der Zeitungen in vielen Ländern noch dramatisch verschlechtert. In den USA stehen so etablierte Blätter wie die "New York Times", die "Los Angeles Times" und die "Chicago Tribune" unter schwerem Druck. In Europa reduzieren selbst national führende Tageszeitungen wie "Le Monde" in Frankreich oder die "Neue Zürcher Zeitung" in der Schweiz Korrespondentennetz und Angebot, und das zum Teil drastisch. Zwei Krisen treffen 2009 zusammen: die akute Rezession und die fortschreitende Abwanderung eines Teils der Leserschaft ins Internet, wo Nachrichten umsonst zu haben sind. Weltweit müssen Redaktionen Kosten senken, weil Anzeigenerlöse sinken. Kaum eine Zeitung kommt ungeschoren davon.
Gefahr wird weithin unterschätzt
Die Berichterstattung in vielen Blättern wird ausgerechnet zu einer Zeit eingeschränkt, in der der ökonomische und politische Aufstieg neuer Großmächte das Gegenteil erfordern würde - nämlich mehr Nachrichten aus China oder Brasilien. James Surowiecki, der Wirtschaftskolumnist des US-Magazins "New Yorker", warf die Frage auf, ob Zeitungen in den USA in derselben Lage seien wie die Eisenbahnindustrie vor 100 Jahren. Diese wurde damals von der neuen Technologie des Autos verdrängt, heute kommt das Internet.
Vor allem in Deutschland schreiben viele Zeitungsjournalisten ungern über das eigene Geschäft. Auf Journalistenschulen wird gelehrt, dies sei unanständig und interessiere den Leser nicht. Auch können Publikationen, die in der Mehrzahl ja kommerzielle Unternehmen sind, nicht pausenlos über die Schwierigkeiten der eigenen Branche berichten, geschweige denn des eigenen Betriebs. Die Öffentlichkeit neigt daher dazu, das Ausmaß der Herausforderung zu unterschätzen. Erstens hält man die meisten Zeitungen und Magazine ja weiter in der Hand. Zweitens gibt es das Internet, die unerschöpfliche Quelle von Gratisnachrichten. Sollen die Zeitungen halt dünner werden oder pleitegehen - dann holt man sich die News eben aus dem Netz. Dünn ist handlich, und an Printprodukten herrscht ohnehin Überfluss. So denken und reden nicht nur jüngere Leser.
Es ist Zeit, unser Bewusstsein für zwei schlichte Wahrheiten zu schärfen. Erstens: Gut recherchierte Nachrichten kosten eine Menge Arbeitszeit und damit Geld, das irgendwo herkommen muss. Zweitens: Demokratien brauchen, wie Habermas sagen würde, eine demokratische Debatte, die von der "Energie" der Themenbündelung durch gut gemachte Zeitungen oder andere Informationsportale getrieben wird. Sie brauchen Leitmedien, die mit intelligenten Analysen, Kommentaren und Berichten der Politik Stoff geben. Habermas spricht von einer "stimulierenden und zugleich orientierenden Kraft". Kein arbeitender Mensch hat die Zeit, den Urwald des Internetangebots selbst zu lichten. Die Demokratie, ihre Akteure und Bürger bedürfen anspruchsvoller Informationsfilter wie seriöser Tageszeitungen, egal ob sie auf Papier oder Bildschirm erscheinen. Und für deren Arbeit ist Geld nötig.
Genau da hakt es. Vielen Newskonsumenten ist nicht bewusst, dass wir uns in einem Übergangszeitalter befinden, bei dem teuer recherchierte Nachrichten den Lesern umsonst im Internet angeboten werden - ein seltenes Beispiel, bei dem Privatunternehmen ihr Kernprodukt verschenken. Die Werbeeinnahmen aus dem Internet sind bisher zu gering, um Kosten zu decken und Gewinn zu erzeugen. Faktisch subventioniert das unter Druck stehende Medium Papier das Angebot im Internet mit. Dabei lebt die seriöse Nachrichtenwelt des Internets weitgehend von der Arbeit der Zeitungen und Agenturen, wie man rasch feststellt, wenn man mit einer Suchmaschine arbeitet.