Hemmungslose Gier, hyperaktive staatliche Deregulierung, passive staatliche Aufsicht, eine falsche globale Verteilung von Angebot und Nachfrage - das sind die Phänomene, die als Ursachen für diese Weltwirtschaftskrise am häufigsten genannt werden. Es gibt eine andere Lesart, die in der Diskussion bisher nur gestreift wird und es verdient, viel stärker in den Mittelpunkt gerückt zu werden: Was der Welt widerfährt, ist primär Folge der Unterschätzung und mangelnden Beherrschung der technologischen Revolution.
Die Spekulationsorgie, der die Finanzwelt in den vergangenen Jahren frönte und deren Big-Bang-Ende jetzt eine Wohlstandsvernichtung seltenen Ausmaßes zur Folge hat, wäre nicht möglich gewesen ohne den vorhergehenden Big Bang in der Informationstechnologie. Erst Entwicklungen in der IT haben die Spekulationsmodelle möglich gemacht, die auf statistischen Durchschnittswerten beruhen. Die Komplexität dieser Modelle übertraf das Fassungs- und Urteilsvermögen der Führungsetagen der Banken. Und mit ihrer Hebelwirkung konnten sie sowohl gigantische Profite wie gigantischere Verluste erzeugen. Sowohl Deregulierung als auch weltweite makroökonomische Ungleichgewichte haben ihr zerstörerisches Potenzial erst dank der IT voll entfalten können.
Naives Staunen
Die Finanzeliten wie die Aufsichtsbehörden und Gesetzgeber haben in den letzten 15 Jahren verkannt, dass der hoch gepriesene technische Fortschritt neben Chancen auch ein komplett neues Risikopotenzial schuf. Man kann die Krise auch als Kollektivversagen einer mit dem Füllfederhalter aufgewachsenen Führungsgeneration vor einer neuen Technologie lesen, deren Management ein paar sehr jungen Experten überlassen wurde. Wir haben alle hingeguckt und gestaunt. Manche fanden das neue Spielzeug gut, andere oft lästig. Verstanden haben wir das, was wir da sahen, nicht.
Jetzt, wo es zu spät ist, wird die ungeheure Zerstörungskraft der technologischen Revolution in der Finanzwirtschaft und damit in der Realwirtschaft offenkundig. Unterschätzt wird die technologische Revolution in ihrer Gänze aber noch immer. Wir haben zu spät erkannt, dass die IT die Spielregeln des Finanzmarkts und damit der Wirtschaft samt ihrer Aufsicht und Regulierung radikal verändert hat. Ebenso radikal verändert sie die Spielregeln der Informationsübermittlung in der Demokratie.
Bisher wurde dieser Prozess als Befreiung von den Monopolen der etablierten Informationsvermittlung erlebt und beschrieben, also der Magazine, der Tageszeitungen, des Fernsehens, der Nachrichtenagenturen. So falsch es im Rückblick war, die Auswirkungen der IT-Revolution auf die Finanzwirtschaft blindlings als positiven Befreiungsprozess zu sehen, so falsch und unverantwortlich ist es jetzt, diese Haltung im Bereich der politischen Informationsermittlung einzunehmen.
IT revolutioniert die Grundlagen der Medienwirtschaft, und es wäre fatal, wenn wir in einigen Jahren zu dem Schluss kommen, wir hätten die Folgen dieser Revolution ebenso verschlafen, wie wir die Folgen des Big Bang in der Finanzwirtschaft verkannt haben. Es geht hier nicht nur um die bedrängten Zeitungen, die mit den Agenturen noch immer den überwältigenden Teil der seriösen Nachrichten produzieren, die im Internet verfügbar sind. Es geht auch um das Medium Buch, das von der Digitalisierung der Bibliotheken in seiner kommerziellen Dimension massiv betroffen ist. Und um andere Informations- und Kulturgüter wie Film oder Musik.