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Merken   Drucken   30.08.2006, 19:28 Schriftgröße: AAA

Kolumne: Thomas Klau: Pariser Telenovela

Das Desinteresse der Deutschen an der französischen Präsidentschaftswahl ist frappierend. Sicher: Das Verhältnis zu Paris wirkt stabil und damit gewissermaßen langweilig. Aber das reicht nicht als Erklärung.
von Thomas Klau

Es zählt zu den Eigentümlichkeiten der deutsch-französischen Beziehung, dass beide seit Jahrzehnten enger kooperieren und verflochten sind als alle anderen Staaten vergleichbarer Bedeutung - sich aber außerhalb eines kleinen Spezialistenkreises nur wenige in Deutschland dafür interessieren, wer Frankreichs nächster Präsident werden könnte. Unaufregend ist auch das Verhältnis zu Großbritannien. Und doch weiß man in Deutschland mehr über Tony und Cherie als über Jacques und Bernadette.

Es gibt dafür Gründe, so die Unübersichtlichkeit eines französischen Parteiensystems, in dem Funktionen oft nichts und Personen fast alles sind. Frankreich ist kompliziert, wie de Gaulle klagte. Dennoch: Das Desinteresse an Frankreich und seiner Politik - das sich, wie alte Fahrensmänner beklagen, zunehmend auch in den Parteien und in den Fraktionen niederschlägt - ist aus deutscher Sicht grob fahrlässig. Denn der Eindruck, es ist egal, wer im Elysée regiert, die Sache läuft ja sowieso, ist falsch.

Hochvolatiles Frankreich

Es gibt europäische Länder wie Deutschland oder Großbritannien, in denen Regierungspolitik einigermaßen verlässlich in vorhersehbaren Bahnen verläuft. Nicht so im hochvolatilen Frankreich. Dort stehen die Grundorientierungen der Politik stets auf der Kippe und sind viel leichter zu torpedieren, wie das Scheitern des EU-Verfassungsreferendums zeigt.

Regieren ist in Frankreich kein Balanceakt, sondern ein Tanz auf dem Hochseil. Wären wir uns dessen bewusst, würden wir das Geschehen beim Nachbarn atemlos verfolgen. Was in Paris entschieden wird, ist fast immer Resultat einer Zitterpartie und betrifft uns unmittelbar. So kostet schlechte französische Wirtschaftspolitik deutschen Profit und deutsche Arbeitsplätze - gute mehrt beides. Will Paris in der Außen- und Europapolitik dasselbe wie Berlin, steigt die deutsche Gestaltungsmacht in Europa und der Welt exponentiell.

Es ist ein Beweis der außenpolitischen Intelligenz Angela Merkels, dass sie diese Zusammenhänge klar erkannt hat, obwohl weder ihre norddeutsche Herkunft noch ihre Erziehung in der DDR sie dafür prädestinierten. Doch Merkel hat, wie sie selbst sagt, das Geschäft der Politik bei Helmut Kohl gelernt, einem der besten Außenpolitiker des 20. Jahrhunderts. Noch vor ihrer Kanzlerschaft spann sie Fäden nach Paris; und es gelang ihr mit charakteristischer Geschicklichkeit, Kontakt zu Jacques Chiracs Intimfeind und Nachfolger in spe, dem Innenminister und Gaullistenchef Nicolas Sarkozy zu knüpfen, ohne das Verhältnis zum Président zu belasten. Chirac schätzt Merkel und ist, wie man hört, von ihrem spöttischen Humor, ihrem Verstand, ihrer Klarheit und ihrem diskret-diplomatischen Stil angetan.

Doch Chirac ist die untergehende Sonne und kämpft nur noch darum, das Elysée im kommenden Frühjahr nicht als triste, in fast allem gescheiterte Figur zu verlassen. In Frankreich hat der Präsidentschaftswahlkampf voll begonnen; und keine Telenovela ist spannender, wenn man die einzelnen Episoden verfolgt.

Wir sind in der ersten Phase des Geschehens: dem Kampf um die Führerschaft im linken und rechten Lager. Die Favoriten sind zwei gleichermaßen gerissene Politiker, die sich mit skrupellosem Populismus als Repräsentanten eines neuen politischen Denkens und neuen Stils inszenieren - und das, obwohl sie seit Jahrzehnten Teil der Führungselite sind.

Auf der Rechten agiert Sarkozy, der das geringe Ansehen und die geschwundene Popularität seines einstigen Mentors Chirac geradezu erbarmungslos ausschlachtet, um sich vor den Wählern als die konservative Alternative zu profilieren. Mit phänomenaler Energie ist es Sarkozy gelungen, seinen Namen in den Schlagzeilen zu halten und das Fundament glänzender Umfragewerte für eine Strategie der Machtergreifung zu nutzen, die ihm erst die formelle und mittlerweile auch die faktische Führung der Gaullisten einbrachte. Chiracs letzter und verzweifelter Versuch, mit der Ernennung des Premierministers Dominique de Villepin einen anderen Kronprinzen aufzubauen, ist gescheitert - natürlich mit kräftiger Mithilfe Sarkozys. Wenn nichts absolut Unvorhersehbares passiert, ist dem jetzigen Innenminister die Nominierung für den Präsidentschaftswahlkampf sicher, und damit die Teilnahme am zweiten und entscheidenden Wahlgang.

Aufsteigerin Royal

Offen ist dagegen der Ausgang des nicht minder faszinierenden Machtkampfs bei den Sozialisten. Zum Entsetzen der alten "Parteielefanten" schwang sich die fotogene Präsidentin der Region Poitou-Charente, Ségolène Royal, am Parteiestablishment vorbei zum Medienstar und Umfragenliebling auf - und leitete daraus wie Sarkozy den Anspruch auf die Nominierung ab. Pikant ist, dass ihr langjähriger Lebensgefährte François Hollande Parteichef ist und selbst zuweilen Ambitionen auf das Elysée durchscheinen lässt. Doch haben die anderen Schwergewichte der Partei den Kampf noch nicht aufgegeben. Im Rennen sind Laurent Fabius, Jacques Lang, Lionel Jospin und Dominique Strauss-Kahn, die darum kämpfen, den Medienputsch Royals zu verhindern.

Ein Wahlkampf zwischen Royal und Sarkozy gäbe den Franzosen die Wahl zwischen zwei Politikern, die Teil des alten Establishments sind, nach der höchsten Macht aber über den Umweg der Medien und am eigenen Apparat vorbei greifen. Beide sind wie der jetzige Präsident Chirac mit einem kräftigen Schuss Populismus gesegnet - was helfen könnte, den rechtsextremen Kandidaten Jean-Marie Le Pen von einer Wiederauflage seines Triumphs des Jahres 2002 abzuhalten, als Le Pen es in den zweiten Wahlgang schaffte. Weder Sarkozy noch Royal dürften indessen die jetzigen Orientierungen der französischen Politik nach dem Einzug in das Elysée ernsthaft infrage stellen. Frankreich wird sich mit einer Präsidentin Royal oder einem Präsidenten Sarkozy treu bleiben, egal, wie viel neuen Stil die zwei Prätendenten derzeit in ihren Interviews versprechen.

Thomas Klau ist FTD-Korrespondent in Washington.

  • Aus der FTD vom 31.08.2006
    © 2006 Financial Times Deutschland
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