"Morituri te salutant", riefen die Gladiatoren den römischen Kaisern entgegen. "Die Todgeweihten grüßen dich." In der Neuzeit heißt es nicht mehr "Morituri", sondern "Morimoto". Adressat sind nicht mehr die Cäsaren, sondern die Investoren. Der japanische Hausbauer Morimoto meldete vor dem Wochenende Insolvenz an - als inzwischen 30. börsennotiertes Unternehmen der fernöstlichen Wirtschaftsmacht. Die Insolvenzquote in Japan ist so hoch wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Die Notenbank des Landes ist alarmiert und trifft sich heute zu einer Notsitzung. Thema: Verbesserung der Refinanzierung und Vermeidung der Kreditklemme.
Die Vorgänge in Japan sind ein Menetekel für das, was in den kommenden Wochen und Monaten weltweit passieren dürfte: Nachdem Banken reihenweise zusammenbrachen und staatlich gestützt werden mussten, sind nun die Unternehmen an der Reihe. Wer unter hohen Schulden ächzt, ist existenzgefährdet.
Die entscheidende Lektion für Anleger in diesem Umfeld lautet deshalb: Cashflow und Barreserven sind durch keine noch so schicke Kennzahl zu ersetzen. ROE, ROCE oder RONA? Alles zweitrangig. Diejenigen Unternehmen werden gewinnen, die über Geld verfügen. Um es mit einem abgenutzten Bonmot zu sagen: "Cash is king and queen!"
Pleitegefahr wie in der Großen Depression
Wie sich die Zeiten doch ändern können. Aktionärsaktivisten wie Chris Hohn vom Hedge-Fonds TCI und Private-Equity-Gesellschaften wie KKR belagerten während der Boomjahre all jene Firmen, die auf prallen Kassen hockten. Selbst ernannte Finanzexperten mit Toni & Guy-Scheiteln erklärten einfacher gestrickten Vorstandsnaturen, wie sich die Bilanz mit ein bisschen mehr Leverage hübsch frisieren ließe. Geld klang nach Langeweile, EPS dagegen nach gewaltigen Pferdestärken.
Aus Angst vor Attacken - Deutsche Börse lässt grüßen - wurde dem Kapitalmarkt Abbitte geleistet. Dividenden wurden ausgeschüttet, Aktien massenweise zurückgekauft.
Und jetzt? Jetzt geht die Angst um. Bankkredite? Fehlanzeige. Anleihemarkt? Verschlossen. Commercial Paper? Will keiner mehr außer der US-Notenbank Fed. Kunden? Halten ihre Ersparnisse zusammen und lassen sich auch durch die größten Rabatte nicht mehr locken. Gewinnmargen? Superdünn, die Deflation wirft ihren Schatten voraus.
Das Schlimme daran ist: Alle Branchen sind von der Liquiditätsnot betroffen, nicht allein die US-Autoindustrie mit ihren notorischen Problemfällen wie General Motors. In der jüngsten Vergangenheit finden sich etliche Belege für den Beginn des Cash-Zeitalters. Unangenehm wird es etwa für den Ketchup-Produzenten Heinz. Statt 6,4 Prozent auf 800 Mio. $ an ausstehenden Schuldpapieren muss das Unternehmen auf Wunsch der Investoren ab sofort 15,6 Prozent berappen. Die jährliche Zinslast steigt so von 51 Mio. $ auf 125 Mio. $.
Chemiesektor unter Beobachtung
Hohe Verbindlichkeiten gehen mit verschärfter Beobachtung einher. Der Chemiesektor ist ganz vorn mit dabei. Beim britischen Naphtha- und Plastikhersteller Ineos senkte die Ratingagentur Moody's bereits die Bonitätsnote auf acht Stufen unter Investmentgrade. Der Kapitalmarkt war alarmiert: Die Absicherungskosten gegen einen Kreditausfall legten deutlich zu, das Management verhandelte mit den Gläubigern, um die Zahlungskonditionen zu verändern. Auch die Investitionen wurden zurückgefahren. Nur noch 250 Mio. Euro gibt Ineos aus - erstaunlich wenig für einen Konzern, der jährlich 27 Mrd. Euro Umsatz erwirtschaftet.
Die Pleitegefahr wächst. Dieses Jahr gab es weltweit bislang 85 Insolvenzen, 2007 waren es nur 22 gewesen. Glaubt man den Auguren, wird es aber erst ab 2009 richtig schlimm. Standard & Poor's zufolge werden bis Ende des kommenden Jahres 800 Mrd. $ an Verbindlichkeiten fällig. Nicht alle Firmen werden zahlen können. Für die USA rechnet Moody's damit, dass die Ausfallquote von derzeit 3,3 Prozent auf 11,2 Prozent steigt. Noch skeptischer sind nur die Marktteilnehmer. Auf dem Corporate-Bond-Markt wird die Ausfallrate derzeit auf 18 Prozent beziffert. Zum Vergleich: Zur Zeit der Großen Depression in den 30er-Jahren waren es 15,3 Prozent. "Und der Bondmarkt liegt meistens richtig", betont Martin Fridson, Vorstandschef der Vermögensverwaltung Fridson Investment Advisors.