John Meriwether hatte einfach zu viel Glück, um vorbereitet zu sein. Der im Jahr 1947 geborene Mitgründer des Hedge-Fonds Long-Term Capital Management (LTCM) lebte in einer Welt effizienter Kapitalmärkte, rationaler Akteure und des wirtschaftlichen Aufschwungs - bis 1998 die Russlandkrise sein Gedankengebäude einstürzen ließ. "Hätte ich die Große Depression erlebt, wäre ich besser imstande gewesen, die Ereignisse zu verstehen", sagte Meriwether, nachdem sein Fonds von der New Yorker Notenbank gerettet worden war.
Meriwether ist wie viele ein Opfer der "Großen Moderation". Seit den 50er-Jahren gingen die volkswirtschaftlichen Schwankungen in den meisten Industrieländern deutlich zurück. Rezessionen, wenn sie sich denn überhaupt aufzutauchen getrauten, waren milde und kurz. Phasen wie die Große Depression in den 30er-Jahren schienen für immer ausgeschlossen, die "Große Inflation" in den 70er-Jahren wurde als statistischer Irrläufer abgetan. Mehr und mehr Volkswirte sprangen auf das Thema an - und machten aus der steten Stetigkeit ein Newton'sches Naturgesetz.
Ende 2008 deutet einiges darauf hin, dass sich die "Große Moderation" als große Illusion erweist - oder zumindest als langes Intermezzo, das nun zu Ende geht. In der Phase konstanten Wachstums, niedriger Teuerungsraten und lockerer Geldpolitik türmten sich ungeheure Ungleichgewichte auf, die jetzt abrupt korrigiert werden. Der Vizechef der US-Notenbank Fed, Donald Kohn, sprach im November von "Selbstzufriedenheit", die eine Folge "trügerischer Sicherheit" sei. "Die gute wirtschaftliche Entwicklung hat uns irreführende Daten beschert", sagte Kohn. "Risiken wurden völlig falsch eingeschätzt und nicht verstanden." Kohn hat recht.
Fahrlässige Leichtigkeit des Seins
Dabei fügte sich doch alles so perfekt ins Bild. Olivier Blanchard, der heutige Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds, und John Simon von der australischen Notenbank untersuchten die Große Moderation 2001 am Beispiel der USA. Ihr Ergebnis: Die Schwankungen des Bruttoinlandsprodukts (BIP) nahmen von 1,5 Prozent zu Zeiten des früheren US-Präsidenten Dwight Eisenhower auf 0,5 Prozent in der Clinton-Ära ab. "Wir fühlen uns relativ sicher und prognostizieren, dass Wachstumsphasen länger werden. Damit sinkt die Wahrscheinlichkeit von Rezessionen", schrieben Blanchard und Simon euphorisiert.
Pures Glück - also das Ausbleiben externer Schocks - erschien den Ökonomen als Ursache zu banal. Stattdessen wurden andere Theorien bemüht, allen voran eine effizientere Verwaltung der Lagerbestände durch die Unternehmen und - ganz im Sinne aller Notenbanker dieser Welt - eine bessere Geldpolitik. Der Grundgedanke: Eine geringere Schwankung der Inflation ist gut für das Wachstum. Preise werden nicht verzerrt, damit kann das Kapital bestens zugeteilt werden. Der amtierende Präsident der Fed, Ben Bernanke, lobte 2004 in einer 14 Seiten füllenden Rede sich und seine Zunft. Mit einer raffinierten Argumentation: "Big Ben" führte externe Schocks wie beispielsweise die Ölpreishausse der 70er-Jahre einfach auf die Geldpolitik selbst zurück. Und damit auch das Ausbleiben solcher Schocks. Was andere als Glück bezeichneten, heftete Bernanke damit seinem Vorgänger "Maestro" Greenspan und Kollegen ans Revers.