Mr Prince von Citigroup? Weg. Mr O'Neal von Merrill Lynch? Weg. Mr Cayne von Bear Stearns? Weg mitsamt der Bank. Jetzt also ist Mr Libor dran. Libor ist nicht - wie man meinen könnte - Vorstandschef eines russischen Kreditinstituts, sondern einer der wichtigsten Geldmarktsätze überhaupt. Er zeigt an, zu welchen Konditionen sich die Banken gegenseitig Geld leihen und ist bestimmend für 350.000 Mrd. $ an Swaps und 10.000 Mrd. $ an Krediten, die ihn als Index nutzen. Seit 1985 wird er täglich von der British Bankers Association (BBA) berechnet.
Doch nun steckt er in der Krise. Viele Marktakteure trauen ihm nicht mehr, wie zuletzt eine am vergangenen Donnerstag veröffentliche Studie des Geld- und Devisenhändlerverbands ACI gezeigt hat. Der Vorwurf: Einige Banken schummeln bei der Libor-Umfrage und weisen zu tiefe Sätze aus, um nicht öffentlich als Problemfall dazustehen. Die BBA hat angekündigt, ihre Methode zu überdenken.
Die Kritik konzentriert sich nicht allein auf den Libor - gleich mehrere Barometer des Kapitalmarkts stehen derzeit unter Beschuss. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) sorgte diesen Monat für Aufsehen, als sie die Aussagekraft des Subprime-Index ABX HE in Zweifel zog. Wer sich auf den verlassen habe, um Subprime-Verluste zu berechnen, habe den tatsächlichen Wert womöglich um 62 Prozent überzeichnet, führte die BIZ aus. Die US-Terminbörsenaufsicht CFTC wiederum hinterfragt laut Medienberichten die Berechnungsmethoden des Rohstoffdatendienstes Platts, der täglich Preise für den Ölspotmarkt bestimmt.
Die wichtige Welt der unbekannten Indizes
Was zeigt das alles? Die Kreditkrise ist in ihre nächste Phase getreten: Nachdem die Finanzakteure sich erst nicht mehr gegenseitig über den Weg trauten, werden nunmehr auch weit verbreitete Messlatten und Bezugsgrößen in Zweifel gezogen. Das mag hysterisch und in manchen Fällen auch unbegründet sein - dennoch ist die Auseinandersetzung überfällig. Indizes und Preisfeststellungen, die auf Umfragen unter Marktteilnehmern basieren, sind dem breiten Publikum meist unbekannt. Sie haben aber enorme Bedeutung: Nach ihnen richten sich unzählige Over-the-Counter-Transaktionen und Settlementpreise an den Börsen. Bei Kohle geht nichts ohne API2- und API4-Preise, die von den Datendiensten Argus und McCloskey berechnet werden. Beim Terminkontrakt auf mageres Schwein an der Chicago Mercantile Exchange sind die an das US-Landwirtschaftsministerium gemeldeten Schlachtstatistiken entscheidend. An der Leipziger Strombörse EEX werden Chefhändler um ihre Preiseinschätzung gebeten, wenn die Liquidität in einzelnen Kontrakten zu gering ist - unverbindlich wohlgemerkt.
Ist das per se fragwürdig? Nein. Doch bei außergewöhnlichen Preisbewegungen ist eine Analyse der Indexberechnung und der Vorkehrungen gegen Manipulation durchaus gerechtfertigt. Als Beispiel sei das Nordseeöl Brent genannt, das sich auf Jahressicht um den Faktor zwei verteuert hat. Täglich um 16.30 Uhr Londoner Zeit bestimmt Platts den Preis für physisches Öl der Sorten Brent, Oseberg, Forties und Ekofisk. Der Wert von rund 60 Prozent des weltweit gehandelten Öls richtet sich danach. Auch für den Brent-Terminkontrakt an der ICE Futures ist das Platts-Fixing maßgebend.
Angewendet wird ein Verfahren, das sich "Market on Close" nennt. Ziel: Nur transparente, nachvollziehbare und verbindliche Angebote werden berücksichtigt. Doch wie das im Einzelfall gehandhabt wird, bleibt unscharf. Gefahr eins: Was passiert, wenn ein Handelsteilnehmer erst Sekunden vor Schluss seine Offerte einstellt? Wann wird sie berücksichtigt, wann nicht? Gefahr zwei: Wie wird verhindert, dass verzerrte Angebote abgegeben werden? Könnte ein Käufer beispielsweise ein künstlich hohen Preis nennen, der nur für eine Transaktion relevant ist, aber das ganze Preisgefüge durcheinanderbringt? "Gapping up" wird das im Händlerjargon genannt. Gefahr drei: Was passiert, wenn an einem Tag nur ein oder wenige Handelsteilnehmer aktiv sind? Gefahr vier: Wie kann eine mögliche Absprache entdeckt werden?
Keine Änderung, sondern bessere Kontrolle
Alles wichtige Fragen, denen sich nicht nur die Indexanbieter widmen sollten, sondern auch die Politik und Aufsichtsbehörden. Allzu häufig richten diese ihre geballte Kraft nur auf das sichtbare Börsengeschehen, nicht jedoch auf die sehr technischen Verfahren, die Letzterem zugrunde liegen. Das komplizierte Wechselspiel von Cash-Indizes und Terminpreisen ist momentan besonders relevant im Fall der Rohstoffe. Mögen die großen Investmentbanken und Handelshäuser auch noch so gern auf Angebot und Nachfrage verweisen, um die erstaunliche Rohstoffrally zu begründen, und alles andere als Verschwörungstheorien abtun, so schadet es dennoch nichts, jeden einzelnen Bereich des Markts gründlich auszuleuchten. Es ist folglich zu begrüßen, wenn die CFTC bei Platts damit den Anfang macht.
Nicht empfehlenswert dagegen ist, die Methodiken in Hauruckaktionen zu überarbeiten. Das würde die Glaubwürdigkeit der Indizes noch stärker erschüttern und kann unvorhergesehene Konsequenzen haben. Platts ist dafür ein mahnendes Beispiel. Der Datendienst musste heftige Kritik einstecken, als es 2007 wegen der Aufnahme des Buzzard-Felds in den Brent-Komplex zu Qualitätsproblemen bei Forties kam. Als dann auch noch Ekofisk eingerechnet wurde, waren die Verwirrung und der Aufschrei unter den Marktteilnehmern erst recht groß. Letztlich gilt: Man kann es nie allen recht machen.
Kommen wir zurück zum Libor. Die BBA tut gut daran, erst einmal nichts Entscheidendes zu ändern. Noch hat niemand den Beweis erbracht, dass das seit 23 Jahren bewährte Konzept nicht länger greift. Erfreulich ist jedoch folgende Ankündigung: "Die Angaben der Banken werden täglich überwacht, Auffälligkeiten werden ausgewiesen und überprüft." Eine Selbstverständlichkeit, die Schule machen sollte. Nicht nur bei Mr Libor.
Tobias Bayer ist Redakteur im FTD-Finanzressort. Er schreibt dienstags im Wechsel mit Lucas Zeise.