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Merken   Drucken   22.06.2003, 13:14 Schriftgröße: AAA

Kolumne: Verantwortungsloser Streik

Die IG Metall sabotiert die ostdeutsche Industrie. Ihre Argumente sind falsch und gefährlich. von Christoph Keese
Lohnstückkosten im internationalen Vergleich   Lohnstückkosten im internationalen Vergleich
Wofür streikt die IG Metall in Ostdeutschland? Vermutlich um die Konkurrenz zu den überhöhten Löhnen und zur kurzen Arbeitszeit im Westen auszuschalten. Jeder noch so kleine Aufschwung im Osten zu anderen Konditionen bedroht aus ihrer Sicht die Errungenschaften im Westen. Damit ist dieser Streik zynisch. Den Ostdeutschen, die von ihren West-Kollegen quasi ausgesperrt werden, schadet er nur, weil er Arbeitsplätze vernichten wird. Nutzen tut er allenfalls den Besitzstandswahrern im Westen, und auch das nur kurzfristig.
Natürlich gibt die IG Metall nicht zu, dass dies der wahre Streikgrund ist. Sie führt offiziell zwei Argumente ins Feld. Erstens sei es 13 Jahre nach der Wiedervereinigung nur fair, wenn der Osten endlich in den Genuss der 35-Stunden-Woche käme. Und zweitens seien die Lohnkosten pro Stunde, die dadurch steigen, kein Problem, da es nicht auf die absoluten Löhne, sondern auf die Lohnstückkosten ankomme, die angeblich international wettbewerbsfähig sind. Beide Argumente sind hanebüchen falsch. Auf ihrer Grundlage einen solchen Streik zu führen ist verantwortungslos und leichtsinnig, es grenzt an Sabotage.
Das erste Argument - Gerechtigkeit nach 13 Jahren - ist ökonomisch wertlos. Ob und wann der Osten zum Westen aufschließen kann, ist keine Frage von Jahren, sondern hängt von der wirtschaftlichen Leistungskraft ab. Vielleicht wird es 30 Jahre dauern, bis Ostdeutschland das westdeutsche Produktivitätsniveau erreicht, vielleicht gar 40 oder 50 Jahre, eventuell gelingt es nie. Löhne und Arbeitszeit im Osten müssen Schritt mit der eigenen Produktivität halten, nicht mit Vergleichszahlen im Westen. Dass die IG Metall dies ignoriert und stattdessen Irrlehren verbreitet, schwächt ihren Stand als ernst zu nehmender Gesprächspartner weiter.
Falsche Daten, irrelevante Vergleiche
Das zweite Argument - wettbewerbsfähige Lohnstückkosten - klingt stichhaltiger, ist aber genauso falsch. Aus drei Gründen: Die Daten stimmen nicht, sie sind irrelevant, und außerdem sind die Lohnstückkosten volkswirtschaftlich eine nutzlose, ja sogar gefährliche Größe. Zunächst zu den Daten. Die Gewerkschaft behauptet, die Lohnstückkosten - also das Verhältnis von Lohnkosten zur Arbeitsproduktivität - lägen in den neuen Bundesländern mittlerweile um etwa zehn Prozentpunkte niedriger als in den alten. Das gilt jedoch nur, wenn alle Branchen in die Rechnung einbezogen werden. In der Metall- und Elektroindustrie beträgt der Kostenvorteil der neuen Länder laut Institut für Wirtschaftsforschung in Halle nahezu null.
Irrelevant ist das IG-Metall-Argument deshalb, weil es auf den Vergleich mit Westdeutschland gar nicht ankommt. Nach einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft hat Deutschland die dritthöchsten Lohnstückkosten der Welt, übertroffen nur von Norwegen und Großbritannien. Wettbewerber vor allem der ostdeutschen Fabriken ist Osteuropa. Das Opel-Werk in Polen etwa hat die gleiche Produktivität wie jenes in Eisenach, schafft eine leicht bessere Qualität, arbeitet jedoch zu 80 Prozent geringeren Löhnen. Aus Sicht von Opel wäre es inzwischen fast irrationaler Patriotismus, noch weiter in Ostdeutschland zu investieren. Die IG Metall ignoriert das geflissentlich.
Lohstückkosten- entwicklung   Lohstückkosten- entwicklung
Lohnstückkosten führen in die Irre
Am wichtigsten aber ist, das Lohnstückkosten-Argument grundsätzlich in Zweifel zu ziehen. Es hat einen heimtückischen methodischen Nachteil. Definiert sind die Lohnstückkosten in nationaler Währung als die Relation von Arbeitskosten je Beschäftigtenstunde zur realen Bruttowertschöpfung. Für internationale Vergleiche wird zudem der Wechselkurs mit einbezogen. Wo liegt der Fehler? Nehmen wir an, in einer Volkswirtschaft arbeiten hoch produktive und weniger produktive Unternehmen. Die Gewerkschaften streiken für eine Lohnerhöhung und gewinnen. Das treibt weniger produktive Unternehmen in den Konkurs, weil sie ihre Waren zu Marktpreisen nicht mehr profitabel herstellen können. Mit diesen Pleiten steigt die durchschnittliche Produktivität - die Schwachen drücken nicht mehr den Schnitt.
Gleichzeitig sinken die Lohnstückkosten. Das ergibt sich zwingend aus der Definition der Größe, schließlich ist die Zahl der Unternehmen zwar gesunken, aber der verbleibende Rest arbeitet im Schnitt produktiver. Damit beginnt ein Teufelskreis: Die Gewerkschaften sehen, dass die Lohnstückkosten sinken und die Produktivität steigt. Sie nutzen das als Argument für ihre nächste Lohnrunde, setzen wiederum höhere Einkommen durch und treiben damit noch mehr unproduktive Firmen in den Ruin - was wiederum die Lohnstückkosten senkt. Wehren können sich die Unternehmen nur durch eine ständige Steigerung der Produktivität, also durch zunehmende Mechanisierung. Es gibt immer mehr Maschinen und immer weniger Jobs, arbeitsintensive Firmen werden aus dem Markt gedrängt. Besonders deutlich hat Wirtschaftsforscher Hans-Werner Sinn vom Ifo-Institut diesen Prozess beschrieben.
Genau in diesem Teufelskreis steckt die deutsche Volkswirtschaft: einem Zyklus von Automatisierung, sinkender Beschäftigung und überzogenen Lohnforderungen. Wir übersehen in unserem Rausch sogar, dass die Lohnstückkosten gar nicht mehr niedrig sind, sondern an der Weltspitze liegen. Es ist Zeit, zur Vernunft zurückzukehren. Die IG Metall sollte ihren Streik im Osten abbrechen und im Westen die 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich einführen. Damit würde sie Hunderttausende Jobs retten und neu schaffen.
  • FTD, 22.06.2003
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