Synchrone AnkündigungenDa die Unions-Granden das Nachrichtenloch zwischen den Feiertagen gezielt genutzt haben, um synchron einen Reformschub zu fordern, liegt die Vermutung nahe, dass CDU-Chefin Angela Merkel in Absprache mit ihrem Münchner Kollegen Edmund Stoiber das kommende Jahr nutzen will, um sich mit zwei Themen zu profilieren: Umbau des Steuersystems und Fokussierung der Politik auf Wirtschaftswachstum. Im Jahr vor der Bundestagswahl 2006 möchte Merkel sich damit als einigende Autorität der Union und schlagkräftige Reformerin präsentieren.
Weil in Berlin ohne die Unions-Mehrheit im Bundesrat ohnehin nichts mehr geht, kann sich das Publikum gleich an eine Nebenkanzlerin Merkel gewöhnen, die anders als seinerzeit Oskar Lafontaine nicht auf Totalblockade schaltet, sondern konstruktiv Probleme lösen hilft. Was die Grünen als eigentlicher Koalitionspartner tun, soll 2004 laut Plan der CDU-Strategen unwichtig werden. Ob dieses Kalkül aufgeht und Merkel den richtigen Weg zur Kanzlerschaft wählt, ist völlig offen. Vieles kann schief gehen. Die Weihnachtsoffensive zur Steuerreform aber ist ein untrügliches Zeichen für den wachsenden Machtanspruch der Opposition und ihrer Chefin.
Was ist von dem Projekt inhaltlich zu halten? Alle Politikern, die sich in den vergangenen Tagen zum Thema geäußert haben, sind sich einig, dass Subventionen und Privilegien zu Gunsten niedrigerer Steuersätze wegfallen müssten. Im Idealfall sollen die Bürger nichts absetzen können, dafür aber in den Genuss eines niedrigen Tarifs kommen. Weit auseinander gehen die Meinungen allerdings darüber, ob die Steuerzahler unter dem Strich entlastet werden sollen oder nicht.
Vermutlich wird sich die Debatte intensiv um die Nettoentlastung drehen, dabei ist diese Frage eher nebensächlich: Die Zahlungsbilanz zwischen Fiskus und Steuerpflichtigen hängt von der Haushaltslage ab und wird jedes Jahr neu diskutiert. Ein grundlegender Systemwechsels des Steuerrechts kommt hingegen nur alle paar Jahrzehnte vor und verdient mehr Aufmerksamkeit.
Die Vorzüge der Aktion liegen auf der Hand: Beim Bürger und beim Finanzamt sinkt der Verwaltungsaufwand, der Papierkrieg kann zügig durch elektronische Übermittlung ersetzt werden, der Volkssport des Täuschens und Tarnens stirbt aus, und es gibt keine Möglichkeit mehr, das Finanzamt mit Hilfe ausgedachter Zweitwohnungen, Arbeitszimmer und Fahrtstrecken hinter das Licht zu führen.