Während wir uns in Deutschland fragen, ob man Opel an die Italiener oder die Österreicher verscherbeln soll, zeigt uns Indien, wo die Zukunft des Autos liegt. Vor Kurzem kam dort ein sensationelles Modell auf den Markt. Der Tata Nano, ein viertüriger Kleinwagen, wird ab Juli ausgeliefert zu einem Einstiegspreis von 115.000 Rupien, das sind rund 1740 Euro. Jetzt werden deutsche Autobauer mit Sicherheit einwenden, dass die Qualität asiatischer Produkte nicht mit denen deutscher zu vergleichen ist. Wer indische Technik und Ingenieurkunst kennt, weiß, dass das nicht unbedingt stimmt. Es wird hierzulande Leute geben, die solche Propaganda noch ein paar Jahre glauben. Das ändert bloß nichts daran, dass in Deutschland für den Automobilbau harte Zeiten anbrechen. Der Trend geht weg von deutschen Limousinen. Das Gezerre um Opel markiert den Auftakt eines langen Prozesses der Deindustrialisierung.
Noch in den 90er-Jahren sagte mir ein deutscher Ministerialbeamter, der Automobilbau sei die wahre Stärke der deutschen Wirtschaft. Durch die Netzwerkeffekte mit heimischen Zulieferern hätte Deutschland einen industriellen Kern, der Ländern wie Großbritannien mittlerweile fehle. Ob das damals noch zutraf oder nicht, mag dahingestellt sein. Heute ist diese statische Theorie völlig widerlegt. Natürlich wird es auch in Zukunft einen Markt geben für Autos, die 50.000 oder 100.000 Euro kosten. Die Zukunft der industriellen Massenproduktion von Fahrzeugen liegt aber woanders: beim Tata Nano und seinen Brüdern, wie auch immer sie heißen mögen - Tata Milli für Europa oder Tata Quarterpounder für den US-Markt.
Zu viele Autos, zu viele Garantien
Ich selbst bin gerade dabei, mir einen Neuwagen zu kaufen, und stelle fest, dass wir in Deutschland mittlerweile einen Preiskrieg erleben, wie ich ihn bislang nur aus den USA kannte. Mittlerweile sind die Angebote so gut, dass ich Nachlässe von weniger als 25 Prozent empört ablehne. Die Überflutung des Marktes hat sicherlich etwas mit der Krise zu tun, aber ich glaube, dass sich die Situation auch danach nicht grundlegend ändern wird.
Wir haben strukturelle Überkapazitäten, und die Politik ist gerade dabei, den Abbau dieser Überkapazitäten zu verhindern, indem sie von den möglichen Opel-Käufern Standortgarantien verlangt. Frankreich und Italien verhalten sich natürlich genauso, und so wird die Überkapazität im europäischen Automobilsektor aus industriepolitischen Gründen weitergeführt.
Gegen den Tata Nano ziehen wir Europäer höchstwahrscheinlich mit handelspolitischen Eingriffen und einem Wust an Regulierungen zu Felde. Die Wahrscheinlichkeit, dass hier in Europa ein Auto für 1740 Euro plus Mehrwertsteuer angeboten wird, ist nahezu null. Es wird uns mit Sicherheit etwas einfallen, wie wir den Tata Nano vom Markt halten und verhindern, dass europäische Konsumenten ein Auto für unter 2000 Euro kaufen. Zusammen mit der Abwrackprämie würde man da noch Bares herausbekommen. Unvorstellbar.
Ein weiteres Phänomen: Die Preise für identische Fahrzeuge sind in Europa deutlich höher als in den USA. Ich selbst habe bei meinem Nachforschungen für den Autokauf festgestellt, dass ein bekannter amerikanischer Geländewagen in den USA für einen Listenpreis von umgerechnet 36.000 Euro angeboten wird, während in Deutschland der Listenpreis für das gleiche Fahrzeug - ohne Mehrwertsteuer - 55.630 Euro beträgt. Bei japanischen Autos finden Sie ebenfalls sehr hohe Preisunterschiede zwischen den USA und Europa.