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Merken   Drucken   11.03.2008, 18:04 Schriftgröße: AAA

Kolumne: Wolfgang Münchau: Der Kern des Finanzsystems schmilzt  

Die Anzeichen für eine katastrophale Entwicklung der globalen Kreditkrise mehren sich. In den vergangenen Tagen haben wir einen guten Einblick bekommen, wie eine Kernschmelze im globalen Finanzsystem aussehen könnte. von Wolfgang Münchau
Es waren bislang nur Einzelfälle, die uns bekannt geworden sind, etwa der des Hedge-Fonds Peloton Partners oder der Investmentgesellschaft Carlyle Capital  und vielleicht eine Handvoll andere.
In den guten Zeiten - wir reden hier vom Frühjahr 2007 - investierten diese Gesellschaften in Wertpapiere mit einem sehr hohen Kredithebel. Ein Hedge-Fonds konnte sich ohne Schwierigkeiten das Fünffache seiner Einlagen beleihen. In einigen Fällen betrug der Kredithebel das 20-fache. Die Banken haben damals nicht so genau hingeschaut, welche Sicherheiten hinter diesen Investitionen steckten, denn man war schließlich Optimist.
Der Kredithebel ist der Antrieb für jede Blase der Finanzgeschichte. Wenn man immer nur mit dem eigenen Vermögen spekuliert hätte, dann wäre es nie zu den extremen Blasenbewegungen gekommen. Und da insbesondere die Kreditblase letztendlich darauf beruhte, Kredite in bislang nicht bekannter Größenordnung zu vergeben, ist diese Blase besonders groß.
Die Prozesse, die während der Blasenentwicklung am Werk waren, wirken nun in umgekehrter Form während des Abschwungs. Das ist nicht irrational, wie einige Banker oder Finanzvolkswirte behaupten, sondern eine völlig normale Gegenreaktion. Die Banken verlangen jetzt höhere Sicherheiten, die einige dieser Investoren nicht mehr aufbringen können.
Wachsender Druck auf Investmentfirmen
Hier sind zwei Prozesse am Werk, die diesen Teufelskreis beschleunigen. Der erste ergibt sich direkt durch die geringere Bewertung der Investitionen. Nehmen wir einmal an, ein Fonds und eine Bank haben sich darauf verständigt, dass der Fonds bei Investitionen 20 Prozent durch Einlagen der Investoren finanzieren muss und die restlichen 80 Prozent durch einen Kredit. Wenn der Wert der Investitionen fällt, dann sinkt die Eigenkapitalquote des Fonds unter die 20 Prozent. Um diese Quote wiederherzustellen, muss der Fonds Anteile aus dem Depot liquidieren. Da viele der zweifelhaften Wertpapiere im Gegensatz zu Aktien über keinen Marktpreis verfügen, war dieser Effekt zunächst nicht besonders groß, er wird aber zusehends wichtiger.
Der zweite Effekt besteht darin, dass die Banken entweder die Zinsen erhöhen oder dass sie von den Hedge-Fonds verlangen, ihre Eigenkapitalquoten zu erhöhen. Im Englischen spricht man von einem "Haircut". Fonds leihen sich das Geld in der Regel nicht über einen normalen Kredit, sondern über einen "Repo". Dabei kauft die Bank die Sicherheiten und kauft sie später mit einem Abschlag zurück. Bei einem Haircut wird dieser Abschlag erhöht.
Was wir momentan erleben, nennt man im Englischen "Haircut Contagion", also eine Verseuchung des Systems durch die von den Banken verlangte Erhöhung der Eigenkapitalmargen, die die Hedge-Fonds und andere Investitionsgesellschaften unter erheblichen Druck bringt. Die Situation ist aus Sicht der Banken verständlich. Die Banken stehen alle unter hohem Druck, ihre Risiken abzubauen. Die Neubewertung der eigenen Investitionen in dazu eingerichteten Zweckgesellschaften stand dabei zunächst im Vordergrund. Jetzt kommt die große Bereinigung im Kreditgeschäft.
  • Aus der FTD vom 12.03.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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