Nach den Kommentaren der Kanzlerin und ihres Finanzministers der vergangenen Tage sollte man sich zum Ende des Monats nicht ein frohes neues Jahr wünschen, sondern eine frohe Depression. Die Bundesregierung ist offensichtlich nicht bereit, für den Fall einer Liquiditätsfalle vorzubeugen. Stattdessen will sie abwarten, bis man tatsächlich dort hineintappt.
Dass wir auf eine Liquiditätsfalle zusteuern, ist so gut wie sicher. In den vergangenen Tagen und Wochen haben sich die Anzeichen einer globalen Wirtschaftskrise ungeahnten Ausmaßes verschärft. In den USA hat die Liquiditätsfalle schon zugeschlagen: Dort zieht die Notenbank mittlerweile Instrumente aus der Trickkiste, mit denen sich in der Vergangenheit nur Geldtheoretiker beschäftigten. Dazu zählen etwa das "Quantitative Easing", mit der die Federal Reserve ihre eigene Bilanz aufbläst, und die Ankündigung von Notenbankchef Ben Bernanke, man werde demnächst langfristige Staatspapiere kaufen, um deren Zins zu senken.
Wenn die Liquiditätsfalle erst einmal zuschnappt, sinken die Zinsen in Richtung null Prozent, und die Zentralbank versucht, mit unorthodoxen Mitteln das Ihre zu tun. Die Erfahrung zeigt, dass die Impulse der Geldpolitik jedoch nicht sehr groß sind. Es wäre zwar gut, wenn die Europäische Zentralbank am Donnerstag ein deutliches Signal geben würde - entweder in Form einer stärkeren Zinssenkung als erwartet von mindestens 75 Basispunkten oder wenigstens durch die Ankündigung weiterer Schritte.
Kein Ende der Krise vor 2011
Aber selbst eine theoretische Hauruck-Zinssenkung auf null Prozent kann uns nicht mehr vor der Liquiditätsfalle bewahren. Diese resultiert aus den extremen Interaktionen zwischen Kreditmärkten und Realwirtschaft. Allein der Abschwung, den wir derzeit erleben, reicht mit großer Wahrscheinlichkeit aus, um auf den Finanzmärkten die nächste Schockwelle auszulösen - unter anderem im Bereich von Unternehmensanleihen und deren Versicherungsderivate. Der amerikanische Ökonom Paul Krugman erwartet mittlerweile einen Anstieg der Arbeitslosigkeit in den USA auf mehr als zehn Prozent und kein Ende der Krise vor 2011. Der Finanzwissenschaftler Robert Shiller glaubt ebenfalls, dass die Krise noch viele Jahre dauern wird. Damit wäre der Vergleich mit der Großen Depression, den wir bislang immer gescheut haben, gar nicht mehr so abwegig.
Ein wichtiges Element des Puzzles ist die Position Chinas. Auch dort zeichnet sich eine dramatische Verlangsamung der Investitionen ab, die Stütze der chinesischen Konjunktur. China ist bereits in einer Rezession, wenn das Land nur um sechs Prozent wächst, weil die Nachfrage nach Jobs in der Industrie dort jedes Jahr um ein größeres Maß wächst. Der Rückgang der amerikanischen Nachfrage hat in ganz Asien eine Kettenreaktion ausgelöst, die gerade in China zu einem Einbruch der Wirtschaft geführt hat. Russlands Kasino-Wirtschaft, ein weiterer wichtiger Markt für deutsche Exporteure, ist ebenfalls implodiert.
Wir erleben schon seit einigen Jahren, dass die wesentlichen monetären Entwicklungen global auftreten, egal ob das Preisblasen bei Immobilien oder Wertpapieren sind oder Inflationsschübe. Auch die Liquiditätsfalle ist globalen Ursprungs und wird weder vor der chinesischen Mauer haltmachen noch vor der Mauer im Kopf deutscher Finanzpolitiker.