Mittlerweile erwarte ich, dass das deutsche Bruttoinlandsprodukt im kommenden Jahr um zwei bis vier Prozent schrumpfen wird. Das ist weitaus pessimistischer als die offiziellen Prognosen. Diese berücksichtigen allerdings die sich hochschaukelnde Finanzkrise und ihre makroökonomischen Auswirkungen nicht oder nur ungenügend, ebenso wenig wie die sich verschärfende Krise in den Schwellenländern.
Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel ist mit stetig wachsender Begeisterung dabei, die Fehler der frühen 30er-Jahre zu wiederholen, indem sie jede effektive Hilfe gegen den konjunkturellen Absturz ablehnt. Die Folge ist, dass die wirtschaftliche Entwicklung fast ausschließlich von Faktoren abhängt, auf die die deutsche Politik keinen Einfluss nehmen kann. Ich verstehe zwar Merkels tiefe Abneigung gegenüber dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy, der mit seinen massiven Attacken auf die Europäische Zentralbank seine Glaubwürdigkeit zerstört hat. Nur hat er diesmal ausnahmsweise recht: Dies ist eine Krise, in der die Politik handeln muss. Nicht zu handeln ist ökonomisch unverantwortlich und politisch riskant, vor allem so kurz vor einer Bundestagswahl.
Für die Wirtschaft sehe ich drei Szenarien. Im ersten Szenario hinkt die Politik weiter hinter der Realität eines starken Abschwungs hinterher. Für Deutschland und Europa ist dies das wahrscheinlichste Szenario. Auch in den USA könnte es trotz des Machtwechsels dazu kommen. Die US-Wirtschaft steht vor einer starken, sich gegenwärtig verstärkenden Rezession, die die Finanzkrise noch weiter verschlimmern wird - etwa durch Zahlungsausfälle bei Unternehmensanleihen, was wiederum den Kreditmarkt in weitere Schwierigkeiten bringen wird.
Gefährliche Kettenreaktion
Wenn man den Bankrott eines der drei großen amerikanischen Autohersteller zulässt, kann es zu einer gefährlichen Kettenreaktion kommen, die man selbst mit einer aggressiven Fiskalpolitik nicht unter Kontrolle bekommt. Eine derartige Welle würde innerhalb kürzester Zeit auch Deutschland erreichen. In diesem Szenario wäre ein Verfall der deutschen Wirtschaftsleistung in Höhe von vier Prozent oder mehr durchaus möglich.
Das zweite Szenario ist das optimistische. Danach gelingt es uns, eine globale Depression zu verhindern. In diesem Szenario ist die Fiskalpolitik ausreichend und europäisch sowie global koordiniert. Die Regierungen der Euro-Zone schieben die Konjunktur im Schnitt um einen Betrag von zwei Prozent des BIP und Deutschland um mindestens drei Prozent an. Dadurch kommt es zu keinen weiteren Strukturkrisen, und die Weltwirtschaft kommt 2009 langsam wieder in die Gänge. In diesem bestmöglichen Szenario sehe ich das Wachstum in Deutschland zwischen null und minus zwei Prozent - nur halte ich diese optimistische Variante für extrem unwahrscheinlich.
Das dritte Szenario wäre eine übertriebene, aber zugleich unkoordinierte fiskalpolitische Antwort der Amerikaner. Mit Larry Summers als Chef-Wirtschaftsberater des neuen US-Präsidenten Barack Obama und Timothy Geithner als Finanzminister halte ich dieses Szenario für möglich. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman schlug vor Kurzem ein Konjunkturpaket von 750 Mrd. $ vor - ungefähr sechs Prozent des BIP -, was selbst angesichts der pessimistischsten aller Prognosen übertrieben ist. Krugman ist zwar nicht Mitglied der neuen Regierung, hat aber enormen Einfluss auf die aktuelle Debatte.
Ein unilaterales amerikanisches Vorgehen wird Europa kaum helfen, jedenfalls nicht im kommenden Jahr. Die Amerikaner werden in die Infrastruktur investieren, was hauptsächlich ihnen selbst nützt. Dagegen kommt es wahrscheinlich nicht zu weiteren Steuergeschenken der Regierung, mit denen die Amerikaner deutsche oder japanische Autos kaufen. Für die Weltkonjunktur ist dieser Impuls von nicht allzu großer Bedeutung. Zudem erwarte ich, dass der protektionistische Druck im US-Kongress zunehmen wird, wenn die Arbeitslosigkeit steigt. Wir erleben also eine fiskalische Flut mit möglicher Abschottung - ähnlich wie in den 30er-Jahren, nur nicht ganz so extrem.