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Merken   Drucken   18.11.2008, 19:52 Schriftgröße: AAA

Kolumne: Wolfgang Münchau - Im Blindflug durch die Finanzmärkte  

Politiker weltweit versuchen sich an Lösungen für die Finanzkrise. Deren wahre Ursachen aber sind noch gar nicht geklärt. von Wolfgang Münchau
Wenn man ein Problem lösen möchte, sollte man es zunächst verstehen. Bei einer komplexen Finanzkrise ist das allerdings gar nicht so leicht. Heute steht in jedem Geschichtsbuch, was die Große Depression in den 30er-Jahren verursacht hat: Geld- und Fiskalpolitik waren zu restriktiv. Eine Deflation der Güterpreise hatte verheerende Folgen für Schuldner, da der reale Wert der Verpflichtungen weiter anstieg. Der Smoot-Hawley Tariff Act, durch den die US-Einfuhrzölle massiv anstiegen, wirkte als Bremse für den Welthandel. Es gibt zwar immer noch Debatten über einzelne Aspekte der Großen Depression, aber unter Ökonomen und Historikern besteht Konsens über die wesentlichen Ursachen.
Während der Großen Depression selbst waren diese Ursachen alles andere als klar. Ludwig Erhard vermutete damals, der tiefe Grund für die Krise liege bei den Kartellen. Er hatte unrecht, was auch daran lag, dass die Faktenlage nicht geklärt war. Die Fakten über die Große Rezession wurden erst später von Autoren wie Charles Kindleberger oder Ben Bernanke zusammengetragen. Somit wird deutlich, dass sich derart komplexe Krisen erst nach langer Zeit in ihrer vollen Dimension verstehen lassen. Das macht die Krisenpolitik umso schwieriger.
Mehr Kontrolle hilft nicht unbedingt weiter
Auch heute sollten wir nicht davon ausgehen, dass wir die tiefen Ursachen dieser Krise bereits verstehen. Wer gleich "menschliches Versagen" schreit, unterschätzt möglicherweise die strukturellen Ursachen. Natürlich wissen wir, dass die Banken falsche Anreize hatten. Wir wissen, dass die Ratingagenturen ein übles Spiel gespielt haben und die Banken sich mit Schrottpapieren ins Bockshorn jagen ließen. Dies ist alles richtig und bekannt. Doch erklärt es noch nicht notwendigerweise die Ursachen. Eine Ursache ist etwas, ohne das es zu dieser Krise nicht gekommen wäre.
Ich wage zu behaupten, dass wir auch mit Basel III oder Basel IV oder ganz anderen Eigenkapitalregeln eine Krise bekommen hätten, wenn auch vielleicht eine etwas andere. Das sollte uns nicht daran hindern, die Eigenkapitalregeln zu reformieren und die Ratingagenturen der Kontrolle zu unterwerfen. Aber es ist nicht sicher, dass dies das eigentliche Problem löst.
Was die Ursachen angeht, haben wir bislang nur mehr oder weniger plausible Spekulationen. Meine eigene Vermutung ist eine andere als die der Staats- und Regierungschefs, die am Wochenende in Washington einen langen Katalog geplanter neuer Regeln aufstellten. Natürlich war auch von makroökonomischen Ungleichgewichten und fehlenden Strukturreformen die Rede, doch damit ist nicht sehr präzise gesagt, was gemeint ist. Ich glaube, der wirkliche Motor dieser Krise liegt nicht im Finanzsystem selbst, auch wenn sich die Krise dort zutrug, sondern in der Wirtschaftspolitik der alten und neuen Industrieländer. Ich weiß nicht, ob ich recht habe oder nicht. Es ist zu diesem Zeitpunkt nicht mehr als eine Vermutung. Wenn ich recht habe, dann ist unsere Krise keine Krise der Märkte, sondern eine Krise der Politik.
  • Aus der FTD vom 19.11.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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