FTD.de » Meinung » Kolumnen » Wolfgang Münchau: Mobbing eines SPD-Chefs

Merken   Drucken   01.07.2008, 19:02 Schriftgröße: AAA

Kolumne: Wolfgang Münchau: Mobbing eines SPD-Chefs  

Helmut Kohl und Angela Merkel haben Ähnliches über sich ergehen lassen müssen wie Kurt Beck. Das wirft ein Schlaglicht auf den deutschen Journalismus. von Wolfgang Münchau
Der Profession des Journalisten eigen ist der Herdentrieb, hierzulande und anderswo, der sich durch drei Eigenschaften auszeichnet: Alle rennen hinter derselben Geschichte her, die Kommentierung konvergiert auf einen zumeist falschen Konsens, und Fehleinschätzungen bleiben ohne jegliche Konsequenz.
Ein gutes Beispiel für den journalistischen Herdentrieb ist der Umgang mit Kurt Beck, dem SPD-Vorsitzenden, der vor Kurzem öffentlich die Luft abließ über das ihm zuteil gewordene Mobbing. Wenn man der veröffentlichten Meinung Glauben schenkt, dann ist Beck eine der großen Nieten des Geschäfts. Vergessen ist seine absolute Mehrheit bei der letzten Landtagswahl in Rheinland-Pfalz, auch die Tatsache, dass dieser angeblich Linke zuvor jahrelang einer sozialliberalen Koalition vorstand, die sich durch einen weitaus höheren Grad an Liberalisierung auszeichnete als die meisten unionsgeführten Landesregierungen. Vergessen sind auch die politischen Nieten, die den SPD-Vorsitz seit dem Rücktritt von Gerhard Schröder innehatten. Einer konnte nicht einmal seinen Kandidaten für den Generalsekretär durchsetzen. Ein anderer war mit der Aufgabe gesundheitlich wie inhaltlich völlig überfordert.
Eine Antwort auf das Fünf-Parteien-System
Beck ist der erste gestaltende Politiker an der Spitze seiner Partei seit Langem. Ich sehe seinen Versuch, die Partei nach links zu öffnen, nicht als eine ideologische Kehrtwende, sondern als Rückkehr zur Realpolitik, die Antwort auf eine strukturelle Verschiebung in der Parteienlandschaft, die uns das Fünf-Parteien-, genauer Fünf-Fraktionen-System beschert hat.
Das Grundgesetz macht es neuen Parteien nun wahrlich nicht leicht. Wenn sie sich aber einmal fest in Bundestag und Landtagen etablieren und über einen Stammplatz in der Elefantenrunde verfügen, dann bleiben uns diese Parteien erhalten. Sowohl arithmetisch als auch politisch wird es ohne die Linke für die SPD sehr schwer, einen Kanzler zu stellen. Was Beck mit seinem Vorstoß über Koalitionen mit der Linkspartei auf Landesebene geleistet hat, ist nichts anderes als eine strategische Richtungsentscheidung, so unbeliebt wie notwendig.
Beck ist nicht der erste deutsche Politiker, der von den Medien maßlos gemobbt wurde. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie man in den frühen 80er-Jahren Helmut Kohl so geringschätzte, wie man den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt glorifizierte.
Eine Karikatur - in der "Zeit", so glaube ich - zeigte Schmidt als Lotsen, der von Bord des Schiffes ging, eine gewollte Kopie der berühmten Zeichnung zum Abgang Otto von Bismarcks. Eine andere Karikatur zeichnete den übergewichtigen Helmut Kohl mit unproportional kleinen Füßen, der sich daranmachte, in die Fußstapfen seines großen Vorgängers zu treten. Später kamen die einfältigen Birne-Karikaturen. Zwei Kohl-Wahlsiege später setzten die entnervten Medien vereint auf Lothar Späth, damals noch baden-württembergischer Ministerpräsident, als möglichen Herausforderer Kohls. Heute lachen wir darüber. Wie brutal die Geschichte doch manchmal ist!
  • Aus der FTD vom 02.07.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  
  18.05. Pressestimmen zum Röttgen-Rauswurf "Angela Merkel eiskalt"
Pressestimmen zum Röttgen-Rauswurf: "Angela Merkel eiskalt"

Deutschlands Leitartikler zeigen sich verwundert über Merkels schroffe Art bei Röttgens Zwei-Minuten-Rausschmiss, erkennen dafür aber gute Gründe. Einer sieht die alte Merkel zurückkehren. mehr

 



  27.05. Deutsches Mädchen jahrelang als Sklavin gehalten
Vermischtes: Deutsches Mädchen jahrelang als Sklavin gehalten ...

In Bosnien ist ein deutsches Mädchen acht Jahre lang als Sklavin gehalten worden. mehr

Mehr zu: Bosnien, Deutsche

 
© 1999 - 2012 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Über FTD.de | Impressum | Datenschutz | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

VW | Siemens | Apple | Gold | MBA | Business English | IQ-Test | Gehaltsrechner | Festgeld-Vergleich | Erbschaftssteuer
G+J Glossar
Partner-Angebote