Ich habe mich in den letzten Wochen oft gefragt, warum Bundeskanzlerin Angela Merkel angesichts dieser schweren Krise so sehr zaudert. Ich kann mir nur erklären, dass ihr Wirtschaftsberater folgendermaßen räsoniert hat: Deutschland leidet im Gegensatz zu den USA nicht unter einer Überschuldung der Privathaushalte. Anders als den vielen kleinen US-Banken geht es den deutschen Sparkassen und Volksbanken relativ gut. Die Kreditversorgung ist trotz der Krise noch gesichert. Darüber hinaus sind die Hausaufgaben gemacht. Der Bundeshaushalt ist nahezu ausgeglichen, und die Lohnkosten sind international wettbewerbsfähig. Natürlich trifft uns als weltgrößter Exporteur ein von den USA ausgehender Abschwung der Weltwirtschaft. Aber wir sind bei Weitem nicht so betroffen wie andere Länder.
Die Argumentation ist in jedem Punkt richtig. Das Problem liegt in der quantitativen Einschätzung. Unterschätzt werden vor allem der Rückgang der globalen Nachfrage und dessen Auswirkung auf die deutsche Wirtschaft. Für ein Land unserer Größe - immerhin die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt - sind wir ungewöhnlich exportabhängig. Dass Deutschland nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine exportbasierte Wachstumsstrategie verfolgte, war richtig und ohne Alternative. Auch Chinas Wachstumspolitik beruht seit den 70er-Jahren auf demselben Modell - eine Exportstrategie mit real unterbewerteter Währung.
Exportweltmeister ist kein Ehrentitel
Die von volkswirtschaftlichem Denken weniger geprägten deutschen Tageszeitungen feiern jedes Jahr den Umstand, dass Deutschland erneut Exportweltmeister geworden ist, so als sei die globale Wirtschaft eine Bundesliga mit Deutschland in der Rolle von Bayern München. Ziel der Wirtschaftspolitik aber ist natürlich nicht die Führung in einer fiktiven Tabelle, sondern nachhaltiges Wachstum, Vollbeschäftigung und Preisstabilität. Wir werden uns im weiteren Verlauf dieser Krise nicht erneut um die Frage drücken können, ob unsere Wachstumsstrategie wirklich in unserem langfristigen Interesse ist. Deutschlands Wachstumskurve ist mittlerweile gekennzeichnet von langen Abschwungphasen und einem sehr starken, aber kurzen Aufschwung. Dieser begann Ende 2005 und endete im ersten Quartal 2008. Der Abschwung, den wir jetzt erleben, ist besonders stark und wird vermutlich noch ein oder zwei Jahre dauern. Es ist eine gute Zeit, um sich wirtschaftspolitisch neu zu orientieren.
Ein Ziel der strategischen Änderungen sollte es sein, die Abhängigkeit von der Automobilindustrie zu verringern. Früher war dies unser Vorzeigesektor. Doch mit den Autos gibt es eine Reihe fundamentaler Probleme. Zum einen halten die seit den 90er-Jahren gebauten Autos mittlerweile zehn Jahre oder noch länger - selbst die aus den USA. Es ist für viele Menschen überhaupt kein Problem, einen alten Wagen noch ein paar weitere Jahre zu fahren. Das heißt aber auch: Kommt eine Rezession, erlebt der Autobau einen massiven Einbruch, weil die Nachfrage plötzlich einbricht. Und da gerade die deutschen Autobauer in einer Rezession nicht ihre Preise kräftig senken, kommt es zu einem Stillstand in der Produktion. Diese Industrie ist massiv prozyklisch.
Es gibt noch weitere strukturelle Probleme. Vor wenigen Monaten unterhielt ich mich mit einem Vorstandsmitglied eines großen deutschen Automobilbauers. Er sagte mir, die Zeit der bahnbrechenden Innovationen im Automobilsektor sei vorbei. Sicherheitsgurte und Airbag waren die wichtigsten Erfindungen, die die Anzahl der Verkehrsopfer drastisch reduzierten. Natürlich wird immer noch gebastelt, es werden Außenairbags oder Netzhaut-Scanner entwickelt, aber die Branche ist längst auf einem Pfad fallenden Grenznutzens.