Die einen meinen, Alan Greenspan wäre der Hauptschuldige. Andere kritisieren die Banken oder die Ratingagenturen. Aus dem, was zumindest als plausibel übrig bleibt, ergeben sich drei grobe Kategorien möglicher Erklärungsansätze.
Der erste ist ein Versagen des Finanzsystems an sich. Zu diesem Themenkreis gehören das viel kritisierte Basler Abkommen, das Originate-to-Distribute-Modell der Geschäftsbanken und natürlich auch die Funktion der Ratingagenturen. Diese Theorie besagt, dass es sich um eine Krise des Finanzmarkts per se handelt. Und damit ist die Lösung der Krise ebenfalls klar: höhere Eigenkapitalquoten, bessere Regulierung und dergleichen.
Die zweite Theorie besagt, es handele sich um eine Krise der Globalisierung. China, Indien und andere Schwellenländer wählten dasselbe Entwicklungsmodell wie Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Mithilfe eines schwachen realen Wechselkurses verdiene man sich hohe Exportüberschüsse. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es das Bretton-Woods-System stabiler Wechselkurse. Der Wechselkurs der D-Mark gegenüber dem Dollar und anderen Währungen war fest, aber real wertete die D-Mark durch Lohnverzicht ab.
Komplexes Geflecht von Faktoren
Das heutige Pendant wird von einigen Ökonomen mit dem Ausdruck "Bretton Woods II" bezeichnet. Nur sind es diesmal die Chinesen und andere Schwellenländer, deren Währungen real unterbewertet sind. Die Überschussländer sammeln Dollar ein in Form hoher Reserven, die dann in die USA zurückfließen. Dort wurde zu viel konsumiert und zu wenig investiert. Volkswirtschaftlich ist ein Leistungsbilanzdefizit nichts anderes als eine negative Differenz von Investitionen und Ersparnissen. Jetzt, im Zuge der Anpassung, fällt das Leistungsbilanzdefizit, und die Sparquote steigt demnächst langsam wieder an. Und dies wiederum bedeutet eine lange Periode geringeren Wachstums in den USA. Damit ist die Frage nicht beantwortet, ob die Rezession schon begonnen hat oder wie tief sie sein wird. Die wichtigere Frage ist ohnehin, wie lang die Schwächephase dauert. In diesem Szenario wird sie mehrere Jahre dauern.
Der dritte Erklärungsansatz ist monetär. Die Notenbanken, insbesondere die Federal Reserve der USA, haben den Geldhahn zu weit aufgedreht und damit zunächst Preisblasen an den Wertpapiermärkten erzeugt. Nach dem Platzen der Immobilien- und Kreditblasen kommt es zur Bildung von Blasen im Bereich der Rohstoffe, die dort echte Inflation erzeugen - und die langfristig weiter für Instabilität an den Finanzmärkten sorgen.
Wie plausibel sind diese drei Erklärungsmuster? Das erste Argument überwiegt in der öffentlichen Diskussion. Diese Krise wird in erster Linie als eine Krise der Märkte selbst betrachtet. Ich halte diesen Ansatz für falsch, weil er den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht. Die Liquidität, die die Märkte zu diesem Blasenverhalten trieb, kam schließlich irgendwo her. Und auch wenn einem die Bank die Liquidität zur Verfügung stellt, so ist die Bank nicht deren Quelle.
Die Problematik der überschüssigen Liquididät wird mit den Thesen zwei und drei besser beantwortet. In der zweiten These kommt diese Liquidität aus der realen Wirtschaft - quasi als Gegenpart zu den stark ansteigenden Handelsströmen zwischen Schwellenländern und der industrialisierten Welt. Ob es chinesische Dollar sind, russische Euro oder Petrodollar: Der Strom dieses Geldes produzierte ein makroökonomisches Umfeld, in dem die Banken und vor allem die Investmentbanken noch mehr an Liquidität schaffen konnten.
Wie plausibel ist die monetäre Krisentheorie? Wenn man eine rein nationale Betrachtung anstellt, dann ist sie es sicherlich nicht. Martin Wolf schrieb kürzlich in der Financial Times, diese These einer monetären Überschwemmung hätte in den USA - einer zu 80 Prozent geschlossenen Volkswirtschaft - zu einer Wachstumsblase und zu extrem hohen Realzinsen führen müssen. Das war beides nicht der Fall. Hätte die Geldpolitik versucht, die Wertpapierpreise zu stabilisieren, dann hätte sie permanente Rezession herbeiführen müssen.