Welche Freude! Aktienmarkt, Regierung, Ifo-Befragte und sogar die G7 ahnen, vermuten oder glauben fest daran, dass die zweite Ableitung der Wirtschaftsentwicklung wieder nach oben geht. Das ist nicht mehr Finanzminister Peer Steinbrücks "ungebremste Abwärtsdynamik", sondern eine Art gemäßigter Optimismus. Es gebe, so die genannten Institutionen, zarte Anzeichen dafür, dass Aufträge, Produktion, Umsatz und Gewinne etwas weniger steil abstürzen werden.
Da mag sogar etwas Wahres dran sein. Jedenfalls ist man als Prognostiker gut beraten, nach einigen Monaten, in denen Absturzraten von 25 bis 50 Prozent (gegenüber dem Vorjahr) registriert wurden, anzunehmen, dass dieser Rückgang bald geringer wird. Ist man gar ein junger und nur im PR-Geschäft erfahrener Wirtschaftsminister, dann muss man die Formulierung Karl-Theodor zu Guttenbergs geradezu bravourös nennen: Er könne nicht ausschließen, dass die Talsohle im Winter schon erkennbar sein werde. Das ist Optimismus in der vierten Ableitung, der zum Ansteigen der Erwartungskomponente des Ifo-Instituts (auf immer noch denkbar niedrigem Niveau) im nun vierten Monat in Folge geführt haben dürfte. Dass der Dax seit seinem letzten Tief Anfang März bereits um 25 Prozent zugelegt hat, fußt auf vergleichsweise klaren Erwartungen. Denn auch Bärenmarktrallies wollen genutzt sein.
Streichkapelle auf der "Titanic"
Wenn es um die reale Welt außerhalb der Börse geht, ist diese Art Nihilismus allerdings fehl am Platz. Was geht in den Köpfen der Regierungspolitiker vor, wenn sie einerseits feststellen, dass entgegen ihren früheren Erwartungen die Volkswirtschaft in die Depression taumelt, andererseits nun erst einmal nichts tun? Ist es die Haltung der Streichkapelle auf der "Titanic", die spielt, um die Panik einzudämmen? Weiß die Regierung, ganz wie damals die Musiker auf dem Schiff, dass jeder Rettungsversuch vergebens ist? So sieht es jedenfalls aus. Die Forderungen der Gewerkschaften nach einem großen, sofort wirkenden Konjunkturprogramm werden abgebürstet. Die 30 Erlauchten am Kabinettstisch der Kanzlerin nicken das Nichtstun ab. Tags darauf geben auch die Wirtschaftsforschungsinstitute der Regierung recht.
Aus den Daten schlussfolgern die Herren Volkswirte bei der Vorstellung ihres Frühjahrsgutachtens, ganz wie andere vor ihnen, dass die deutsche ebenso wie die Weltwirtschaft in die tiefste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg schlittert. Zugleich lehnen sie ein weiteres Konjunkturprogramm ab. Es ist schwer zu sagen, ob sie das tun, weil die Bundesregierung es so wünscht (schließlich möchten die Institute auch mit den künftigen Gutachten beauftragt werden). Oder ob die Bundesregierung nichts tun will, weil ihre Gutachter davon abraten.
Sonderbar ist, dass in dem Dokument nicht gegen fiskalisches Gegensteuern argumentiert wird, abgesehen von der trivialen Feststellung, dass es den Staatshaushalt belastet. En passant heißt es, dass die schon beschlossenen Konjunkturmaßnahmen den Bausektor und den inländischen Konsum stützen. Weltweit betrachtet werden die Programme der verschiedenen Regierungen als "massiv" charakterisiert. Deren Wirkung, stellen die Institute lakonisch fest, könne dazu führen, dass ihre Prognose für Weltwirtschaft und Welthandel sich doch als zu pessimistisch herausstellt. Beim Lesen hat man den Eindruck, die Gutachter würden das nachgerade bedauern.