Jean-Claude Trichet hat Mut bewiesen. Das ist allerdings auch das Beste, was man über seinen Diskussionsbeitrag im Kurort Jackson Hole im US-Staat Wyoming sagen kann. Dort, wo sich am Wochenende die Notenbanker der Welt trafen, um die zu Ende gehende 18-jährige Ära Alan Greenspans als Chairman der US-Notenbank Fed zu würdigen, fiel der EZB-Chef aus dem Rahmen: Er pries die eigene Politik, weil es, wie er sagte, "zweifellos große Unterschiede in der geldpolitischen Strategie bei uns in der EZB und ... Greenspans Fed gibt".
Das, wie gesagt, ist der erfreuliche Aspekt an Trichets Ausführungen. Die Differenzen kommen auf den Konferenztisch. Trichet, berühmt für diplomatisches Auftreten, stellt mitten in der großen Feierstunde für den großen Greenspan klar, dass der zwar groß sein mag. Besser und größer aber sind laut Trichet er selbst und sein vor kurzem verstorbener Vorgänger Wim Duisenberg. Noch nie hat meines Wissens ein europäischer Zentralbanker so klar die eigene Politik gelobt und gleichzeitig die amerikanische Geldpolitik getadelt.
Politik der ruhigen Hand
Der Mut ist erfreulich. Weniger erfreulich allerdings ist, was Trichet zu den angeblichen Vorzügen der europäischen Notenbankpolitik vorzubringen wusste: Sie sei weniger aktivistisch oder hektisch als die amerikanische. Trichet empfindet es als positiv, dass die höchsten Notenbankzinsen der EZB seit 2001 mit 4,75 Prozent weniger hoch waren als die amerikanischen (6,5 Prozent) und dass die niedrigsten mit zwei Prozent weniger niedrig waren als die amerikanischen (ein Prozent). Seine Zentralbank greife außerdem weniger oft zum Instrument der Zinsveränderung.
Die EZB richte sich nicht nach "erratischen Erwartungen und Moden des Marktes". Vielmehr kommuniziere sie intensiv mit dem Markt. Anstatt sofort zur Zinswaffe zu greifen, zeige sie die Waffe erst einmal drohend vor. Nur weil die Welt glaube, dass sie notfalls zu entschlossenem Handeln bereit sei, gelinge es der EZB schon damit, die Markterwartungen zu stabilisieren.
Als größten Erfolg dieser minimalistischen Handlungsweise feiert Trichet, dass sich die langfristigen Inflationserwartungen für das Euro-Gebiet seit Mitte 2004 verstetigt haben und sogar leicht abwärts tendieren. In den USA dagegen, so kritisiert er, schwankten diese Erwartungen mit den aktuellen Daten.