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Merken   Drucken   20.12.2005, 18:41 Schriftgröße: AAA

Sebastian Dullien: Den Drachen reiten  

Chinas Boom könnte stabiler sein als von Skeptikern befürchtet - eine gute Nachricht auch für Deutschland. von Sebastian Dullien
Deutschland spürt den Atem des chinesischen Drachen im Nacken: Mit den Korrekturen, die das Statistikamt der Volksrepublik am Dienstag an den offiziellen Daten zum Bruttoinlandsprodukt vorgenommen hat, kommt Chinas Wirtschaftsleistung greifbar nahe an die deutsche heran. Setzt die chinesische Wirtschaft ihr Wachstum mit rund neun Prozent fort und wächst die deutsche über die nächsten Jahre mit 1,5 Prozent, so würde China Deutschland 2008 überholen. Frankreich und Großbritannien, einst unangefochten die Nummer vier und fünf unter den Volkswirtschaften, dürften bereits dieses Jahr von China auf die hinteren Plätze verbannt worden sein.
Die Reaktion auf diese Nachricht in deutschen Talkshows ist leicht vorhersehbar: Die üblichen Schwarzmaler werden die Entwicklung als weiteren Beleg für den Abstieg des eigenen Landes und eine wachsende Gefahr durch die billige asiatische Konkurrenz nehmen. Was könnte die Abstiegsthese stärker untermauern als die Tatsache, dass die Chinesen mit ihren Monatslöhnen von einigen Hundert Euro das Hochlohnland Deutschland abgehängt haben?
Grund zur Freude
Tatsächlich aber gibt es keinen Grund für Panik. Die Revision der chinesischen Statistiken ist vielmehr Anlass zur Freude - nicht nur für jene Millionen Chinesen, die durch das kräftige Wachstum im vergangenen Jahrzehnt der Armut entkommen sind, sondern auch für Deutschland. Die Aufwärtskorrekturen bedeuten, dass der chinesische Boom deutlich nachhaltiger sein könnte als zunächst gedacht.
Der bisherigen Statistik zufolge hatten Chinas Investitionen 2004 rund 45 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreicht - ein im historischen Vergleich außergewöhnlicher Wert, der auf ungesunde Übertreibungen hindeutet. Dieses Bild ist jetzt mit den neuen Zahlen korrigiert. Zwar hat das Statistikamt keine aktuellen Daten zu den Investitionen veröffentlicht, viel deutet aber daran hin, dass es sich an dem absoluten Niveau gebauter Büros und verkaufter Computer oder Maschinen mit der Revision nichts ändert. Verbauter Beton und verarbeiteter Stahl sind schon in der auf die Industrie ausgerichteten chinesischen Planwirtschaft recht gut erfasst worden. Was revidiert wurde, war die Wertschöpfung bei den Dienstleistern.
Weil damit mehr Wirtschaftsleistung mit dem bisher schon bekannten Kapitalstock erwirtschaftet wird, sieht auch der chinesische Wachstumspfad plötzlich wesentlich weniger halsbrecherisch aus. China scheint sich vielmehr im Rahmen dessen zu bewegen, was wir in Asien in den vergangenen Jahrzehnten erlebt haben. Die neuen Investitionsquoten von derzeit geschätzt rund 38 Prozent sind nicht signifikant höher als jene in Japan in den 60ern oder in Korea in den 90er Jahren. In Japan normalisierten sich diese Quoten ganz ohne Krise in den 80er Jahren wieder. Koreas Wirtschaft rutschte zwar in den 90er Jahren in eine Währungs- und Finanzkrise, hatte zuvor allerdings auch ein immenses Leistungsbilanzdefizit - anders als China heute oder Japan in den 60ern.
Damit dürften die Bilanzen von Chinas Unternehmen in wesentlich besserer Verfassung sein als befürchtet - und die Firmen könnten ihr kräftiges Investitionswachstum möglicherweise noch eine ganze Weile fortsetzen. Für Deutschland wäre das erfreulich, weil die deutsche Wirtschaft mit ihren vielen spezialisierten Maschinen- und Anlagebauern überdurchschnittlich von Modernisierung und Kapazitätsaufbau der Chinesen profitieren dürfte.
An dieser Schlussfolgerung ändert auch die Tatsache nichts, dass die deutschen Ausfuhren nach China in den ersten neun Monaten 2005 rückläufig waren und deshalb das Handelsdefizit mit der Volksrepublik rapide gestiegen ist. Wenig spricht dafür, dass deutsche Firmen wegen mangelnder Wettbewerbsfähigkeit vom chinesischen Markt verdrängt wurden. Vielmehr scheint eine vorübergehende Konjunkturverlangsamung dort für die schwache Importdynamik verantwortlich gewesen zu sein.
Überschätzt und unterschätzt
So waren auch die Einfuhren aus anderen Industrieländern zurückgegangen, wie ebenfalls die Importe von Rohstoffproduzenten. Obwohl Chinas Autoproduktion zeitweise mit Jahresraten von 50 Prozent zulegte und die Wirtschaft zwischen Januar und September nach offiziellen Angaben mit stabilen Wachstumsraten um zehn Prozent wuchs, stiegen die Ölimporte gerade einmal um vier Prozent. Diese Zahlen lassen eigentlich nur einen Schluss zu: Die offiziellen Wachstumszahlen dürften die tatsächliche Konjunkturdynamik zum Jahresbeginn übertrieben haben, nachdem sie in den vergangenen Jahren den Boom unterschätzt hatten.
Inzwischen scheint sich das Wachstum in China allerdings wieder beschleunigt zu haben. Die Geldmenge und die Kredite wachsen wieder stärker, nachdem die Regierung ihre Kreditkontrollen gelockert hat. Die Einfuhren haben sich erholt. Im August und September lagen die deutschen Ausfuhren in die Volksrepublik wieder rund 30 Prozent über dem Vorjahreswert. Auch aus anderen Ländern importiert China wieder mehr.
Die Chancen sind also gut, dass es Deutschlands Exportindustrie in den kommenden Monaten wieder gelingt, den chinesischen Drachen zu reiten - und die eigenen Umsätze kräftig zu steigern. Vielleicht lernen dann sogar die deutschen Schwarzmaler irgendwann, dass die Weltwirtschaft kein Kuchen fester Größe ist, bei dem ein Land nur dann mehr abbekommen kann, wenn ein anderes zurückfällt.
  • Aus der FTD vom 21.12.2005
    © 2005 Financial Times Deutschland,
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