FTD.de » Meinung » Kolumnen » Thomas Fricke: Land ohne Mittelmaß

Merken   Drucken   01.09.2005, 19:14 Schriftgröße: AAA

Thomas Fricke: Land ohne Mittelmaß  

Die Deutschen haben in der Krise ein Mentalitätsproblem: ihren Hang zu Gründlichkeit und einfachen Weltbildern. Das erklärt, warum sie einer heute völlig antiquierten Wirtschaftspolitik hinterhereifern.
Was die Deutschen anfangen, machen sie gründlich und konsequent: Entweder, oder. Das ist prima, wenn es zum Beispiel um Präzisionsfräsmaschinen geht, die weltweit geschätzt werden. Heikler wird es, wenn so das Wohl des Landes gesteigert werden soll. Ein akutes Problem.
Nirgendwo sonst wird so hingebungsvoll über radikale Rezepte geschrieben. Nirgendwo sonst ereifern sich Experten so bei Grundsatzfragen wie der, ob wir ausschließlich Konjunktur- oder Strukturprobleme haben, nur Nachfrage- oder nur Angebotspolitik brauchen, uns verschulden oder alles zusammenkürzen, Kaufkraft erhöhen oder Löhne senken - entweder, oder; schwarz oder weiß. Wie im Märchen.
Doch unsere Ökonomen, Hobby-Experten und Politiker stehen mit so viel Gründlichkeit international heute erschreckend antiquiert da. Der Trend geht zum pragmatischen Mix. Die Deutschen kostet das Mentalitätsdilemma derweil in katastrophalem Umfang Jobs und Wachstum.
Platte Lehren aus den 80er Jahren
Bis in die 70er Jahre gab es Experten, die gegen Krisen steigende Löhne und Staatsausgaben empfahlen. Das war Quatsch, da es damals um mehr als nur den Ausgleich eines konjunkturellen Ausreißers ging. Das Problem ist, dass in Deutschland seitdem mit genauso großem Eifer das genaue Gegenteil gepredigt wird. Entweder, oder. Jetzt können Löhne und Staatsausgaben nicht schnell genug sinken, und plötzlich sind alle Probleme im Land strukturell. Deutsche Gründlichkeit.
Nun schwören Ökonomiepäpste wie Ifo-Chef Hans-Werner Sinn, dass wir gar gar kein Konjunkturproblem haben, nur interne Mängel. Seit 30 Jahren. Als seien globale Aktiencrashs, Dollar-Stürze, Asienkrisen, Ölpreisschocks, Terroranschläge, Immobilienkapriolen und US-Konjunkturzyklen an uns vorbeigegangen. Als hätten die anderen darauf nicht mit Konjunkturpaketen reagiert, die bei uns verboten sind, weil ja die Konjunktur hier prima ist. Immerhin kriseln wir konsequent.
Natürlich lassen sich Krisen nicht mit heillos steigenden Löhnen lösen, da das zwar Kaufkraft schafft, die Kosten aber erhöht und Jobs kostet. Die Frage ist nur, ob deswegen gleich das Gegenteil zutrifft, die Kaufkraft völlig egal ist und die Löhne sinken müssen, um die Volkswirtschaft wieder anzuschieben. Als gebe es keine andere Ursache für Jobaufbau.
Die Ökonomen der Deutschen Bank errechneten jüngst allen Ernstes eine Formel, wonach jeder Prozent Reallohnzuwachs ein Prozent Jobs vernichtet. Wenn das stimmen würde, dürfte es in keinem Land der Welt mehr Arbeit geben. Denn die Löhne sind fast immer und überall gestiegen, nur unterschiedlich stark, gemessen an der Leistung.
Ähnliches gilt für Steuern und Staatshaushalte. Aus dem Scheitern des vermeintlichen Allheilmittels präziser Feinsteuerung ziehen die Deutschen gern den Schluss, dass die Welt eben Schicksal ist. Entweder, oder. Die Nachfrage lasse sich nicht beeinflussen, fabulierten jüngst in einem Appell 200 deutsche Hochschullehrer. Vielleicht haben sie nicht gemerkt (was sein kann), dass Amerikaner und Briten genau das erfolgreich tun und den Nachfragesturz seit Platzen der Aktienblase durch Steuer- und Zinsgeschenke verhindert haben.
In Deutschland ist es hip zu behaupten, dass es die Konjunktur anschiebt, wenn der Staat seine Nachfrage möglichst rabiat zusammenstreicht. Dabei gibt es auch dafür international keine richtigen Belege. Fast überall kam erst das Wirtschaftswachstum, dann sanken fast automatisch die Staatsdefizite.
Deutschlands Standortärzte drohen vor lauter Konsequenz an der Krise gefährlich vorbei zu doktern - und sie zu verschärfen. Rot-Grün hat mit lauter Rentenstopps, Verzichtsappellen und Praxisgebühren in den vergangenen Jahren bitter erfahren, dass es eben doch nicht so egal ist, wie viel Geld und Kaufkraft die Leute haben; das Land steckt in der Konsumkrise. Und dass sich verbesserte Angebotsbedingungen und Gewinne doch nicht ganz von allein ihre Nachfrage schaffen - wie es Ökonomen im 19. Jahrhundert dachten und bei uns noch glauben.
Mär der konjunkturlosen Basarökonomie
All das stößt anderswo auf Erstaunen. Außerhalb Deutschlands gebe es "unter Ökonomen zunehmende Einigkeit", dass das Problem der Deutschen nach vier Jahren Dauerstagnation "ein keynesianisches" sei, also konjunkturell und nachfragebedingt, sagt der britische Wirtschaftsexperte David Soskice. Sowas. Professor Sinn ist derweil noch damit beschäftigt, uns zur konjunkturlosen Basarökonomie herabzurechnen.
In den USA wurden Steuersenkungen vorgezogen und Arbeitslosengelder verlängert, um die Nachfrage zu stützen - die sind deswegen keine Kommunisten geworden. Im arg liberalen Britannien gab der Finanzminister so viel Geld zur Wachstumsstützung aus, dass die Staatsquote seit 2000 um sieben Punkte auf 45 Prozent hochgeschnellt ist. Die Dänen schafften den Kündigungsschutz ab, zahlen aber viel Arbeitslosengeld und gaben viel Geld für Konjunkturstützung aus. Die Franzosen flexibilisierten den Arbeitsmarkt - ohne Existenzängste zu schüren wie im gründlichen Hartz-IV-Land.
Die Welt ist nicht schwarz oder weiß. Und Deutschland hat heute so viel Nachfrage- wie Angebotsprobleme. Nichts spricht dagegen, Strukturen zu verbessern und zugleich die Konjunktur zu stützen. Und man auch muss nicht in platte Kaufkraftlehren verfallen, um festzustellen, dass Lohnzurückhaltung gut ist, in einer Volkswirtschaft irgendwann aber an Grenzen stößt, in der zwei Drittel des Inlandsprodukts von Konsumenten gekauft wird. Oder eben nicht.
Was die Deutschen brauchen, ist ein ganz neuer moderner Pragmatismus jenseits plumper Lehren aus alten Tagen. Sonst droht das Land noch viel länger zu stagnieren - ganz egal mit welcher Regierung.
Thomas Fricke ist Chefökonom der FTD. Er schreibt jeden Freitag an dieser Stelle in der Zeitung.
  • Aus der FTD vom 02.09.2005
    © 2005 Financial Times Deutschland,
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  
  24.06.2009 Pressestimmen "Beim Thema Afghanistan Tacheles reden"  
Pressestimmen: "Beim Thema Afghanistan Tacheles reden"

Der Tod dreier Soldaten im Kundus gibt Anlass zu neuen Diskussionen über den Bundeswehreinsatz in Afghanistan. Verteidigungsmininister Jung will nicht von Krieg sprechen. Die Kommentatoren der deutschen Tageszeitungen fordern klare Stellungnahmen der Politik. mehr

 



Die FTD-Personendatenbank
 


  12:45 Schießereien rivalisierender Syrer im Libanon
Politik: Schießereien rivalisierender Syrer im Libanon (00:01:05)

Anhänger und Gegner von Syriens Präsident Assad liefern sich heftige Feuergefechte in der Hafenstadt Tripoli. Unterdessen verstärkten Assads Truppen laut Opposition am Samstag ihre Angriffe auf die syrische Protesthochburg Homs. mehr

Mehr zu: HOMS, Libanon, Syrien

 
© 1999 - 2012 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Über FTD.de | Impressum | Datenschutz | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

VW | Siemens | Apple | Gold | MBA | Business English | IQ-Test | Gehaltsrechner | Festgeld-Vergleich | Erbschaftssteuer
G+J Glossar
Partner-Angebote