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Merken   Drucken   12.01.2006, 19:09 Schriftgröße: AAA

Thomas Fricke: Raus mit dem Geld  

Die Reichen haben es nicht einfach. Mal müssen sie mehr abgeben, dann wieder weniger. Jetzt wieder mehr. Denn: Die große Koalition plant die Reichensteuer. von Thomas Fricke
Mit den Unternehmerverdiensten stieg auch die Sparquote   Mit den Unternehmerverdiensten stieg auch die Sparquote
Dabei ist das eigentliche Problem gar nicht, ob die Höherverdienenden im Land mehr Steuern zahlen oder weniger. Das tiefere Dilemma liegt darin, dass sie viel zu wenig Geld ausgeben.
Das ist schlecht für die Konjunktur und könnte näher betrachtet sogar einen ziemlich hohen Anteil daran haben, dass in Deutschland insgesamt so wenig konsumiert und so viel gespart wird - was wiederum ein Hauptgrund dafür ist, dass es mit dem Aufschwung so lange gedauert hat. Schluss also mit Aldi. Das Land braucht Shoppen für den Aufschwung.
Konjunkturfreundliche Rentner
Seit 2000 haben die Deutschen ihre laufenden Ersparnisse um ein Drittel erhöht; die Sparquote stieg von knapp 9 auf 10,7 Prozent der verfügbaren Einkommen - was Kollektivpsychologen seitdem darauf zurückführen, dass die Menschen eben Angst haben: mal vor zu viel, mal vor zu wenig Reformen, oder überhaupt. Das klingt irgendwie plausibel. Ob das so viel erklären kann, lässt sich indes schwer belegen.
An, sagen wir, den Arbeitslosen kann es nicht liegen. Nach Erkenntnissen des Statistikamts Destatis liegt der Anteil des Gesparten im Schnitt des betreffenden Haushalts hier gerade mal bei fünf Prozent. Ein Arbeitsloser, in dessen Haushalt monatlich höchstens 1300 Euro netto reinkommen, gibt sich in aller Regel noch konjunkturfreundlicher: Hier liegt die Sparquote laut Destatis bei null - oder sogar darunter.
Ähnlich vorbildlich konsumieren unsere Rentner. Auch die geben bis auf knapp sechs Prozent alles aus, was sie monatlich netto bekommen. Ähnlich wie Arbeitnehmer, die nicht mehr als 2600 Euro haben. Da ist nicht viel mehr Konsum für den Aufschwung herauszuholen.
Das Dilemma beginnt bei denen, die zum Ausgeben zwischen 5000 und 18.000 Euro hätten und der Konsumbranche davon mehr als 20 Prozent vorenthalten. Die Topverdiener kriegen jeden Monat zweieinhalbmal so viel wie der Schnitt, geben aber nur eineinhalbmal so viel fürs Wohnen aus; und nicht mal doppelt so viel für Hotels und Gaststätten. Unter Freiberuflern und Selbstständigen werden in dieser Klasse sogar gut 30 Prozent des Einkommens einfach nicht ausgegeben. Wie soll der Konsum da anspringen? Rechnungen der Dresdner Bank ergaben, dass die Sparquote mit jedem Einkommensanstieg um monatlich brutto 1000 Euro um einen Prozentpunkt steigt.
Nun könnte man vermuten, dass das immer schon und auch anderswo so war, selbst als der Konsum noch boomte. Nicht ganz. "In den USA sank die Sparquote zu New-Economy-Zeiten vor allem deshalb so dramatisch, weil die Topverdiener kaum noch Geld sparten", sagt David Milleker, US-Experte bei der Dresdner Bank. Na, so was. In Deutschland galt es in den vergangenen Jahren dagegen zunehmend als schick, möglichst auffällig geizend bei Aldi Sekt zu kaufen. "Der Anteil derer, die auf Preise statt auf Qualität achten, stieg Jahr für Jahr", so Wolfgang Twardawa, Experte bei der GfK Gesellschaft für Konsumforschung in Nürnberg.
Ein solcher Aldi-Effekt ist natürlich schwer zu beziffern. Er wäre auch nicht unbedingt ein Drama - wenn nicht in Deutschland zugleich der Anteil derer, die unnötig wenig konsumieren, so drastisch gestiegen wäre. Zufall oder nicht: Dieser Zuwachs fällt aufs Quartal genau mit dem sonderbaren Anstieg der deutschen Sparquote in den vergangenen fünf Jahren zusammen. Noch im Sommer 2000 machten die (relativ lukrativen) Einkünfte aus Unternehmertätigkeit und Vermögen nur 27 Prozent des Volkseinkommens aus; damals lag die Sparquote unter neun Prozent. Seitdem ist der Anteil in einmaligem Tempo auf mehr als 33 Prozent hochgeschnellt - und die Sparquote liegt im Schnitt plötzlich bei fast elf Prozent.
Konsumboom braucht Einkommen
Dass das kein Zufall ist, vermuten auch die bedächtigen Bundesbank-Ökonomen: Wegen der höheren Sparquote bei Reicheren führe "die seit einigen Jahren zu beobachtende Veränderung der personellen Einkommensverteilung zu einer tendenziell höheren Sparquote auf aggregierter Ebene". So kann man es auch sagen.
Womöglich erklärt der Einkommenstrend sogar einen gewichtigen Teil des Konsumdramas. Angenommen, die Reicheren sparen 20 Prozent, wie es Destatis-Daten vermuten lassen, dann hat der rasante Anteilszuwachs der Unternehmer- und Vermögenseinkünfte rechnerisch allein zu rund einem Prozentpunkt des Sparquotenanstiegs seit 2000 beigetragen.
Von wegen ängstliche Deutsche: Hätten die Reicheren von ihren stark gewachsenen Einkommen einen ähnlich hohen Anteil ausgegeben, wie das etwa die braven Rentner monatlich tun, dann lägen die Konsumausgaben in Deutschland heute 15 Mrd. Euro höher. Immerhin.
Die Frage ist lediglich, ob das schon zum ganz großen Aufschwung in Deutschland gereicht hätte. Selbst 15 Mrd. Euro sind gemessen an der Wirtschaftsleistung noch relativ wenig, gerade mal 0,7 Prozent. Sinkende Sparquoten allein reichen dann wohl doch nicht aus. Zum großen Glück müssten am Ende auch die Einkommen derer wieder steigen, die einen konjunkturfreundlich hohen Anteil bei Auto-, Schmuck- und Einzelhändlern lassen. Oder bei Aldi.
Thomas Fricke ist Chefökonom der Financial Times Deutschland. Er schreibt jeden Freitag an dieser Stelle.
  • Aus der FTD vom 13.01.2006
    © 2006 Financial Times Deutschland,
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