Im Grunde haben die Schweizer alles richtig gemacht, zumindest nach klassischer Lehre. Nirgends gibt es so flexible Arbeitsmärkte, umgängliche Steuerregeln und grundreformierte Sozialsysteme - all das, was Professoren in Deutschland bitterlich vermissen. Nach Adam Smith und Paul Kirchhof müssten die Schweizer sozusagen durchboomen.
Die Sache hat nur einen klitzekleinen Haken: Die Schweiz boomt nicht. Im Gegenteil. Kaum einem Land der Welt mangelt es seit 15 Jahren so sehr an Dynamik. Und: Die Auflösung des Rätsels könnte für die Deutschen gerade jetzt sehr lehrreich sein. Denn den alpinen Reformlaureaten scheint seit Jahren vor allem eins dazwischenzukommen: dass die eigene Währung hochschnellt - ein Problem, das noch ein anderes Volk kennt: das stagnierende Deutschland. Kein Zufall.
In der Schweiz wird ganz legal bis zu 50 Stunden die Woche gearbeitet, dafür kaum gestreikt und relativ wenig Zeit mit so Dingen wie Urlaub verbracht. Im Jahr kommen die Schweizer auf gut 1800 Stunden Arbeit und verbringen damit 200 Stunden weniger als wir vorm Fernseher oder sonstwo. Traumhaft.
Der Arbeitsmarkt kann das Problem nach orthodoxer Lehre nicht wirklich sein. In der Schweiz gilt kaum Kündigungsschutz, laut OECD sind Jobs nicht einmal halb so reguliert wie in Deutschland. Selbst der Staat gibt sich modern bescheiden. Die öffentlichen Ausgaben erreichen nur ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts (BIP) - mageres US-Niveau weit unter der deutschen Quote von 47 Prozent. Entsprechendes gilt für Steuern und Abgaben, Spitzen- wie Konzernsteuern liegen niedrig. Das Staatsdefizit dümpelt bei einem Prozent statt Eichelscher 3,5 Prozent des BIP.
Reformiert haben die Schweizer ihr Gesundheitssystem. Seitdem gilt die gern von Reformpäpsten empfohlene Kopfpauschale. Die Rentenvorsorge fußt brav auf drei Säulen - samt geförderter Privatvorsorge. Wunderbar.