Bevor der Euro kam, gab es in Deutschland Leute, die Angst vor Italien hatten. Davor, dass die unerhört sorglosen Südländer steigende Inflation, hochschnellende Zinsen und stürzende Wechselkurse in die Währungsunion einschleppen.
Heute liegt die Inflation so niedrig wie seit Jahrzehnten nicht, die Zinsen fallen von Rekordtief auf Rekordtief, und der Euro wird am Devisenmarkt höher notiert als im Schnitt die Mark. Und: Angst haben jetzt die Italiener - vor dem Euro und vor den Deutschen.
Was bisher nur Rechtspopulisten vor sich hin plappern, droht für die Italiener bald ein aktuelles Thema zu werden. Die schauderhafte Vorstellung eines Euro-Ausstiegs samt Abwertung der neuen, alten Lira könnte für Italiens Wirtschaft die glimpflichere Alternative zum aussichtslosen Versuch werden, die heillos abgestürzte Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Deutschen oder Chinesen auf konventionelle Art wiederzugewinnen.
Gegen das, was die Italiener derzeit erleben, wirkt die deutsche Krise wie eine lustige Gruselparty. Die Industrie schrumpft seit zwei Jahren, die Wirtschaft steckt in der Rezession, und die Exporteure stürzen atemberaubend ab. Während die jammernden Deutschen ihre globalen Verkäufe seit 2000 um ein Viertel steigerten, setzen die Italiener heute weniger ab. Seit 1995 blieb die Ausfuhr made in Italy um ein Drittel hinter dem zurück, was auf den Absatzmärkten nachgefragt wurde - ein gigantischer Absturz italienischer Marktanteile.
Das Fatale daran: Vieles deutet darauf hin, dass Italiens Firmen in den vergangenen Jahren völlig abgehängt wurden beim Versuch, Kosten zu kürzen und Bilanzen zu sanieren - von Chinesen und Osteuropäern, die Italiens stolze Textilindustrie gnadenlos in die Krise stürzten, und von eifrig verzichtenden Deutschen. Während sich die relative Lohnkostenposition in Deutschlands Industrie seit 1995 und trotz Aufwertung um fünf Prozent günstiger entwickelte als bei der Konkurrenz, stiegen Italiens Lohnstückkosten 40 Prozent schneller als bei den Wettbewerbern. Dieser Nachteil ist so schnell nicht weg.
Was den Italienern jetzt bevorsteht, erinnert an das, was die Deutschen seit zehn Jahren an den Rand der Verzweiflung treibt: der Versuch, die Lohnzuwächse und absurden D-Mark-Aufwertungen vom Anfang der 90er Jahre per Verzicht im Inland wieder wettzumachen. Das hat die Exportfirmen zwar wieder höchst wettbewerbsfähig gemacht, Verzicht und Kürzungen trugen aber auch zur schlimmsten Dauerdepression bei Einkommen und Konsum seit Jahrzehnten bei. Und einiges deutet darauf hin, dass es für die Italiener noch viel heikler wird. Aber nicht, weil sie im Schnitt mit weniger preußischem Hang zur Selbstpeinigung ausgestattet sind.
Im Vergleich hat sich Italiens Kostenposition doppelt so stark verschlechtert wie die deutsche von 1990 bis 1995. Dazu kommt, dass die Konkurrenz von Chinesen und Osteuropäern eben viel herber ist als bei den Deutschen, die davon vor allem reden. Mehr als 40 Prozent der Exporte sind Konsumgüter, die Billigkonkurrenten viel einfacher verdrängen können. Mit ein bisschen Kostenkürzen ist da wenig geholfen. Jeder Achte in Italiens Industrie arbeitete bisher in einer Textilfirma. Der Hightech-Anteil am Export liegt so niedrig wie in Spanien, weit hinter Deutschland.
"In italienischen Betrieben arbeiten durchschnittlich gerade sieben Beschäftigte", sagt Véronique Riches-Flores, Europa-Chefökonomin der Société Générale (SG). Bei solch einer Firmenstruktur sei es viel schwerer, eindrucksvolle Sanierungsprogramme zu entwerfen als in einer konzerngeprägten Wirtschaft wie der deutschen.
Selbst wenn auch dieses Problem auf wundersame Weise lösbar wäre, bliebe für Italien ein entscheidender Nachteil: Es gibt mittlerweile viele Länder, die ebenfalls Kosten reduzieren. Das macht internationale Positionsgewinne viel schwieriger als bei den Deutschen, die bisher davon profitierten, dass es, sagen wir, Italiener gab, die Kosten steigerten.
Für SG-Chefökonomin Riches-Flores ergibt all das für Italien ein "ziemlich aussichtsloses Unterfangen". Um zig Prozent Kostennachteile wieder abzubauen, bräuchte es jahrelange Verzichtsaktionen - bei relativ geringen Erfolgsaussichten und umso dramatischer deprimierter Nachfrage. Deutschlands Krise hoch zwei. Kaum vorstellbar.
Spätestens das könnte die Alternative lohnenswert machen. Die Frage ist, ob ein Euro-Ausstieg wirklich zu so viel mehr Inflation und hohen Zinsen führen würde, wie Analysten und Währungshüter behaupten. Ähnliche Ängste kursierten auch bei anderen, wenn auch nicht eins zu eins vergleichbaren Krisenländern in den vergangenen zehn Jahren.
Ob in Argentinien, Brasilien, Russland oder Indonesien - überall brach ein Festkurssystem zusammen, weil die Wirtschaft vor lauter übereifriger Anbindung an eine harte Währung dramatisch an Wettbewerbsfähigkeit verloren hatte. Überall führte das zu starken Abwertungen, die auf einen Schlag die internationalen Preisverhältnisse korrigierten und die Wettbewerbsfähigkeit verbesserten.
Erstaunlich: Fast überall stiegen Inflation und Zinsen nur für eine mehr oder weniger kurze Zeit - entgegen allen Unkenrufen und womöglich deshalb, weil die Inflation heutzutage weltweit auf dem Rückzug und leichter zu bekämpfen ist als in den 70er Jahren. Heute wächst die Wirtschaft bei Russen, Brasilianern, Indonesiern und Argentiniern wieder kräftig.
Ob's wirklich eine gute Idee wäre? Für die Deutschen bestimmt nicht. Ein italienischer Euro-Ausstieg würde die eigenen hehren Sanierungsversuche konterkarieren und vielleicht endgültig im europapolitischen Desaster enden. Es würde lohnen, Italiens Krise mit allen Mitteln und gemeinsam zu beheben - wenn möglich mit dem Euro.
Thomas Fricke ist Chefökonom der FTD.