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Merken   Drucken   21.09.2005, 18:52 Schriftgröße: AAA

Thomas Klau: Bye-bye, au revoir, Señor Fischer!  

Sein eleganter Rückzug aus der allerersten Reihe der Politik wird Joschka Fischer kaum vor dem Schicksal bewahren, das viele Akteure nach dem Abschied von der Macht ereilt: Leistungen werden verdrängt oder vergessen, und es dominiert längere Zeit das Meinungsbild derjenigen, die ja immer schon gewusst haben, dass der zu Amtszeiten hoch Gelobte in Wahrheit nur Mittelmaß war. von Thomas Klau
So kommt es zum Beispiel, dass der Name Kohl heute bis in die Reihen der Union für Stagnation und Reformstarre steht, obwohl dieser Radikalreformer mit der Deregulierung im europäischen Binnenmarkt und der europäischen Währungsunion die Rahmenbedingungen für wirtschaftliches Handeln in Deutschland grundlegend verändert hat. Und so erinnern sich beim Namen Genscher viele nur an den unermüdlich vermittelnden Chefdiplomaten, vergessen dabei aber, dass dieser gerissene Politiker bei zentralen Weichenstellungen der deutschen und europäischen Politik erstaunlich oft den Ausschlag gab.
Fischer hat sich, wie bei der Visa-Affäre deutlich wurde, in seinem Ministerium genug Feinde gemacht, um Kritik an seiner Amtsführung auf Jahre zu alimentieren. Des Außenministers Intelligenz schneidet scharf und schnell; Geduld und Nachsicht mit Menschen von langsamerer Auffassungsgabe gingen ihm in den Jahren seines stressreichen Amtes oft ab.
Mitarbeiter, politische Kollegen oder auch Journalisten, die vor seinen Augen keine Gnade fanden, hat Fischer zuweilen mit hämischem Spott oder Missachtung gedemütigt. Damit hat der in der deutschen Öffentlichkeit so beliebte Politiker ein Reservoir persönlichen Unwillens geschaffen, das den öffentlichen Rückblick auf seine Bilanz schon bald ungerecht stark eintrüben könnte.
Nicht alles geglückt
Allerdings müssen auch seine Bewunderer anerkennen, dass dem Außenpolitiker Fischer nicht alles geglückt ist, was er angepackt hat. Europa, dessen Integration eines seiner Kernanliegen war, steckt nach sieben Jahren rot-grüner Regierung in einer der tiefsten Krisen seiner Geschichte. Nach dem Scheitern der von Fischer mit angestoßenen Verfassung fehlt es der EU erstmals seit Jahrzehnten an einem großen politischen Integrationsprojekt.
Die von Fischer ebenfalls maßgeblich mitbetriebene Erweiterung der EU um zehn Mitgliedstaaten auf einen Schlag hat viele Bürger verschreckt und war in Frankreich wie in den Niederlanden der Hauptgrund für das Nein zum Verfassungsvorschlag. Der scheidende Außenminister trägt also Mitverantwortung für die Lage, die aus dem Zusammenprall der Big-Bang-Erweiterung und des Integrationsprojekts Verfassung entstanden ist.
Doch hinterher ist es immer leicht, klüger zur sein. Fischers Beitrag zur deutschen Außenpolitik wie zur europäischen Integration ist sehr viel positiver, als es die Momentaufnahme vermuten lässt. In einer Bundesregierung, deren Chef in der Anfangszeit völliges Desinteresse an der Europapolitik zur Schau trug, hat Joschka Fischer als außenpolitischer Stabilitätsanker gewirkt. Er hat den Partnern Deutschlands das wichtige Gefühl gegeben, dass Berlin wie in den Jahrzehnten zuvor weiter als Integrationsmotor arbeiten werde.
Gute Politik und beste Unterhaltung
Später, als Schröder die EU-Kommission als politischen Watschenmann entdeckte und im Wahlkampf 2002 mit deutschen Sonderwegen flirtete, war es wiederum Fischer, dessen Präsenz, Reden und Handeln außenpolitische Beständigkeit verkörperten. Zu einer fairen Zustandsbeschreibung der heutigen EU gehört schließlich auch die Erkenntnis, dass die Erweiterung um zehn Staaten die politische Integration zwar kurzfristig erschwert hat, aber wesentlich dazu beitrug, die politischen und wirtschaftlichen Spannungen des Kontinents zu entschärfen.
Eine grüne Außenpolitik gebe es nicht, hat Fischer in einer berühmt gewordenen Äußerung zu Beginn seiner Amtszeit gesagt - eine Ansage, die mit der Entscheidung für die militärische Unterwerfung Serbiens und Afghanistans auf dramatische Weise bestätigt wurde. Wie kein anderer hat Fischer es verstanden, den jahrzehntelang ebenso mächtigen wie unreflektierten Pazifismus der Linken zu bekämpfen und politisch zu entmachten.
In dieser Öffnung der deutschen Gesellschaft und der Politik für die Notwendigkeiten eines erwachsenen Umgangs mit der Welt und ihren Zwängen liegt vielleicht seine persönlich größte Leistung. Der Blick auf des Außenministers ergrauendes Haar und zerfurchtes Gesicht gab jedem Bürger die beruhigende Gewissheit, dass sich hier einer die Entscheidung über Krieg und Frieden niemals leicht machen werde. Fischers glänzende Formulierungskunst tat ein Übriges, der besorgten deutschen Öffentlichkeit die Kriegsteilnahme zu vermitteln.
Mit seiner Intelligenz, seiner phänomenalen körperlichen Wandlungsfähigkeit und seinem barocken Hang zur Selbstdarstellung hat der Robert De Niro der deutschen Politik uns jahrelang gute Politik vorgeführt, die oft auch erstklassige Unterhaltung war. Nach 20 Jahren wolle er seine abgegebene Freiheit zurückgewinnen, hat Fischer bei seinem Rückzug aus den ersten Reihe der Politik gesagt. Bye-bye, Joschka, und danke, Herr Fischer. Es hat Spaß gemacht mit Ihnen.
Thomas Klau leitet das Brüsseler Büro der FTD. Er schreibt jeden zweiten Donnerstag in der Zeitung.
  • Aus der FTD vom 22.09.2005
    © 2005 Financial Times Deutschland,
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