Kurz vor 17 Uhr war es so weit, nach dreieinhalb Stunden. "Jetzt muss wohl die Chefredaktion entscheiden", sagte Kommentarchef Christian Schütte, der vom Berliner Büro aus die Leitartikelrunde geleitet hatte. Mehr als 70 Redakteure hatten sich am Freitagmittag in der Hamburger Zentrale, in Berlin, Frankfurt, München und Brüssel per Video und Telefon zusammengeschaltet, um über die Wahlempfehlung zu entscheiden. Und wieder war das eingetreten, was kaum einer anders erwartet hatte: Die Diskussion, die zum Teil emotional geführt worden war, hatte sich festgefahren. Eine Gruppe plädierte für die Union, eine andere für die Liberalen. Es stand Spitz auf Knopf. Was sollte die FTD empfehlen? Schwarz oder Gelb?
Die Leitartikelrunde am Freitagnachmittag war der Schlusspunkt einer wochenlangen Debatte. Mehrmals hatte das Kommentarteam der FTD zu Runden eingeladen, in denen über wichtige Politikbereiche diskutiert wurde: über Arbeitsmarkt, Steuern und Sozialversicherungen, über Energie und innere Sicherheit, Konjunktur und Außenpolitik. Grünen-Chef Reinhard Bütikofer und die Generalsekretäre der CDU und der FDP, Volker Kauder und Dirk Niebel, hatten sich den Fragen der Redaktion gestellt, SPD und Linkspartei hatten es vorgezogen, niemanden zu den Hintergrundgesprächen zu schicken.
Die zentralen inhaltlichen Positionen waren also geklärt, als die Redaktion um 13.30 Uhr zusammenkam; jetzt galt es, die Vielzahl der Argumente zu gewichten, über Personen zu diskutieren, die Positionen zu einem Gesamtbild zusammenzufügen - und sich für eine Partei zu entscheiden.
Zu Beginn wurde der Fahrplan für den Nachmittag festgelegt. Dieses Mal wurde die Diskussion von vornherein auf die Schlüsselfrage konzentriert: Wen wollen wir an der Regierung sehen? Im Herbst 2002, als die Redaktion zum ersten Mal über eine Wahlempfehlung diskutierte, hatte die Debatte sechs Stunden gedauert. Das Für und Wider jeder einzelnen Partei war damals ausführlich diskutiert worden, erst im zweiten Schritt wagte sich die Runde an die zentrale Frage. Ist es Zeit für einen Regierungswechsel?
"Ich plädiere für Rot-Grün", eröffnete ein Redakteur schließlich die inhaltliche Diskussion - und fand einzelne Verbündete, die ihm mit Argumenten zur Seite sprangen. "Schröder hat wichtige Reformen vorangetrieben." Oder: "Der Kanzler hat außenpolitisch an Statur gewonnen." Doch anders als 2002 hielt sich die Unterstützung für Gerhard Schröder und Joschka Fischer dieses Mal in Grenzen, trotz ihrer Verdienste. Nach einer Stunde war klar: Keine dritte Chance für Rot-Grün. Die FTD wird sich für einen Regierungswechsel aussprechen - nur: in welcher Konstellation?
Auch hier schieden sich die Geister. Mehrere Redakteure plädierten für eine große Koalition, angesichts der Reformen sei eine stabile Mehrheit nötig. Einige, die noch vor drei Jahren für Rot-Grün argumentiert hatten, sprachen sich jetzt für ein Bündnis der Volksparteien aus. Doch die Gegner setzten sich durch: "Eine große Koalition haben wir doch in der Praxis seit zwei Jahren." Die Vorteile seien vor allem theoretischer Natur.
Jede einzelne Entscheidung an diesem Nachmittag war umstritten: dass die Financial Times Deutschland nicht für Rot-Grün plädieren werde, sondern für einen Regierungswechsel; dass sie keine große Koalition unterstützen werde, sondern Schwarz-Gelb.
Die schärfsten Kontroversen entzündeten sich in der Schlussphase, als es um die Wahl zwischen Schwarz und Gelb ging. Kann die FTD eine Partei empfehlen, die in wesentlichen Punkten Auffassungen vertritt, die in Leitartikeln der FTD in den vergangenen Monaten abgelehnt wurden? Kann eine Partei mit gutem Programm, aber schwachem Personal ihre Inhalte in einer Koalition überhaupt durchsetzen? Was hilft den Liberalen das wegweisende Konzept einer negativen Einkommensteuer, wenn am Ende ein Rainer Brüderle ins Wirtschaftsressort einzieht, den selbst seine Parteifreunde inhaltlich nicht ernst nehmen und als Klientelpolitiker abtun?
Die Diskussion schwankte hin und her, mal schien die Union die besseren Argumente auf ihrer Seite zu haben, mal die FDP. Es gab ein Patt. Am Ende entschied Chefredakteur Steffen Klusmann: Dieses Mal mache die FTD ein Kreuz bei der FDP, "allerdings nur mit dem Bleistift".