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Merken   Drucken   05.07.2005, 20:35 Schriftgröße: AAA

Wolfgang Münchau: Goodbye, Ökofreaks  

Nicht nur die Regierung ändert sich im Herbst. Eine Generation tritt ab - im Eilschritt und völlig am Ende. von Wolfgang Münchau
Die Vorfreude über das nahende Ende von Rot-Grün besteht aus zwei unabhängigen Komponenten. Natürlich freut man sich über das bevorstehende Abtreten der schlechtesten Regierung der Nachkriegszeit. Dies ist verbunden mit der Hoffnung, dass die nächste Regierung es besser macht, egal, ob diese Hoffnung nun gerechtfertigt ist oder nicht.
Die zweite und vielleicht wichtigere Komponente ist der bevorstehende Generationswechsel. Mit dem Ende von Rot-Grün und der Generation der 68er kommt jetzt die Generation der in den 50er und 60er Jahren Geborenen an die Macht. Die einzige politische Langzeitprognose, die ich wage, ist, dass diese Generation lange an der Macht bleiben wird.
Die 68er dachten, die Bundestagswahl 1998 hätte den wirklichen Machtwechsel eingeleitet. Sie irrten, weil sie den politischen Konflikt in Deutschland immer nur als einen Konflikt zwischen sich und den vorherigen Generationen begriffen. Mit der nachfolgenden Generation konnten die 68er überhaupt nichts anfangen und haben sie deswegen ignoriert und vor allem als Spaßgeneration oder als langweilige "Generation Golf" unterschätzt.
Generationswechsel sind nicht neu in der Politik. In der Rangordnung dieser Wechsel aber wird der bevorstehende gravierender sein als die meisten davor. Hier tritt eine Generation an, die sich nicht damit begnügt, wie Kanzler Gerhard Schröder es einmal formulierte, nur einiges besser machen zu wollen statt alles anders. Diese Generation hat Ambitionen, die nicht nur anders sind als die der 68er, sondern teilweise konträr.
Vier deutsche Machtgenerationen
Natürlich ist die Einteilung in Generationen nicht unproblematisch. Alter alleine ist dabei gar nicht ausschlaggebend. Hinzu kommt, dass in einem föderalen Land nicht allein die Bundesregierung die Macht innehat. Trotzdem kann man vier unterschiedliche Machtgenerationen ausmachen - und zwar auf der Basis ihrer politischen Sozialisation. Die Vorkriegsgeneration (Adenauer, Erhard, Kiesinger) regierte von 1949 bis 1969. Ihre politische Sozialisation fand in der Weimarer Republik statt. Die Kriegsgeneration (Brandt, Schmidt, Kohl) hielt sich fast genauso lange, von 1969 bis 1998. Sie wurde durch den Krieg und die Nachkriegszeit politisch geprägt.
Die dritte Generation waren die besagten 68er, deren politisches Verhalten durch die Konflikte in den 60er und 70er Jahren beeinflusst wurde. Es war die Generation der Relativisten, geprägt durch den philosophischen Einfluss der französischen Existenzialisten, insbesondere Jean-Paul Sartres, der Strukturalisten wie Jacques Derrida und der Frankfurter Schule um Jürgen Habermas.
Die politische Sozialisation der vierten Generation in der Nachkriegspolitik fand in den materialistischen 80er und 90er Jahren statt. Das politische Ereignis, das diese Generation geprägt hat, ist der Zusammenbruch des Kommunismus und die deutsche Wiedervereinigung. Die 68er haben lange gebraucht, um ihre Vorgänger zu stürzen, und haben sich selbst nicht lange gehalten, weil ihre Politik immer noch von den Konflikten der 60er und 70er Jahre geprägt ist. Aus diesem Grunde sind sie auch gescheitert. Sie sind nach sieben Jahren politisch dermaßen am Ende, dass sie jetzt im Eilschritt von der Macht weglaufen. Noch nie in der modernen deutschen Geschichte hat eine Regierung den Löffel so freiwillig abgegeben wie diese.
Jusos unter Denkmalschutz
Vor allem glaubte diese Generation, dass ihre Vorstellung von sozialer Gerechtigkeit und ökologischer Politik universell sei. Sie ist jetzt überrascht, dass sie weniger von den Alten angegiftet wird, die viele dieser Grundüberzeugungen teilen, als von den Jungen.
Ihre eigenen Jugendorganisationen haben ihnen nicht geholfen, sich mit der modernen Realität auseinander zu setzen. Die Jugendorganisation der SPD, die Jusos, funktioniert heute noch wie in den 70er Jahren. Die Jusos standen damals und stehen heute weit links von der Partei. Nur sind sie, im Gegensatz zu damals, heute nicht mehr charakteristisch für ihre Generation. Sie sind dermaßen untypisch, dass man fast geneigt ist, sie unter Denkmalschutz zu stellen.
Der Radikalismus der heutigen jungen Generation ist ein ganz anderer. Die alternden 68er werden noch ihr blaues Wunder erleben, dass ihre Nachfolger fast alles, was ihnen wichtig war, umkippen werden, vor allem die Anti-Atomkraft- und die Anti-Amerika-Politik der jetzigen Regierung. Eine weitere Prognose, die ich auch noch wagen würde, ist der mittelfristige Wiedereinstieg in die Kernenergie. Nicht nur, weil die CDU-Vorsitzende Angela Merkel diesbezüglich aufgeschlossen ist, sondern weil die Generation des Computer- und Internetzeitalters ein ganz anderes Verhältnis zu modernen Technologien hat und weil sie ohne einen Wiedereinstieg in die Kernkraft nicht in der Lage sein wird, den Treibhauseffekt langfristig zu kontrollieren.
Goodbye also, Ihr Ökofreaks, "Small Is Beautiful"-Romantiker und Gorleben-Demonstranten. Eure Zeit und die Eurer pseudointellektuellen Vordenker ist abgelaufen. Ihr wart die Generation, die immer genau wusste, wogegen man sein muss, die aber überfordert war, etwas Konstruktives zu leisten, als Ihr verspätet an die Macht gespült wurdet.
Von Euch wird nichts bleiben, bis auf die Erinnerung an Euren fluchtartigen Abgang, das Dosenpfand und die allgegenwärtigen hässlichen Windmühlen.
Wolfgang Münchau ist Kolumnist der FT und der FTD. Er schreibt jeden Mittwoch an dieser Stelle in der Zeitung.
  • Aus der FTD vom 06.07.2005
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