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Merken   Drucken   06.01.2009, 07:00 Schriftgröße: AAA

Leserorakel: Das erwarten FTD.de-Leser von 2009

Stoppt Obama die Rezession? Muss die Deutsche Bank unter den Rettungsschirm? Wie viele US-Autohersteller gehen pleite? Zu diesen und 16 weiteren Fragen haben unsere Leser klare Meinungen. Lesen Sie hier das Resultat unserer Umfrage - mit bemerkenswerten Ergebnissen. von Joachim Dreykluft (Hamburg)
Expertenmeinungen gibt es zum Jahresende viele - und darunter auch viele falsche. FTD.de befragte deshalb im Dezember seine Leser zu den wichtigsten Unternehmens-, Politik, Finanz- und Sportthemen. Hier sind die Ergebnisse des - nicht repräsentativen - FTD.de-Leserorakels 2009:
Auf die wohl wichtigste Frage für das Jahr 2009 haben unsere Leser eine überwiegend pessimistische Antwort. Deutlich mehr als die Hälfte antwortete mit "Nein". Allerdings ist eine bemerkenswert große Minderheit der Meinung: Der Obama, der schafft das! Die Optimisten dürften sich durch jüngste Meldungen bestätigt sehen, wonach der künftige US-Präsident Steuererleichterungen im Umfang von 300 Mrd. $ plant - und ein Gesamtpaket von 775 Mrd. $.
Klare Antwort: Angela Merkel macht's. Erschreckend muss für den SPD-Kandidaten Frank-Walter Steinmeier die Einschätzung unserer Leser sein, dass eher ein noch unbekannter Dritter Deutschland künftig regieren wird, als er selbst.
Auch hier ist die Meinungslage eindeutig: Der alte Präsident wird auch der neue sein. Ohnehin genießt Horst Köhler laut Unfragen unter den Bürgern weitaus größere Sympathien als unter Politikern. 2008 fiel er vor allem dadurch auf, dass er die Finanzmärkte als "Monster" bezeichnete - weit bevor Lehman Brothers Pleite ging. Die noch vom ehemaligen SPD-Chef Kurt Beck zur Kandidatin erkorene Gesine Schwan sieht kaum jemand künftig als Präsidentin. Das gleiche gilt für den Kandidaten der Linkspartei, den Schauspieler Peter Sodann.
Der Chef-Verschleiß bei der SPD war in den vergangenen Jahren enorm. Seit Beginn des Jahrzehnts wurde die Führungsspitze der Partei fünf Mal neu besetzt. Zum Vergleich: Willy Brandt war 23 Jahre lang Vorsitzender. Dass die FTD.de-Leser der SPD inzwischen einiges zutrauen, zeigt auch unsere Umfrage: Eine für die Partei erschreckend große Minderheit glaubt, dass Franz Müntefering das Jahr politisch nicht überleben wird.
Mehr als die Hälfte unserer Leser meint: Geschenke wird es von dieser Bundesregierung nicht geben. Weder Konsumschecks noch Steuererleichterungen wird die Merkel-Regierung verabschieden. Allerdings beschloss die Union am 4. Januar ein 50 Mrd. Euro schweres Konjunkturpaket, in dem auf Drängen der CSU auch Steuererleichterungen vorgesehen sind. Von Konsumschecks, im Dezember noch heiß diskutiert, ist dagegen kaum noch die Rede. Die SPD setzt dagegen auf niedrigere Abgaben. Steuersenkungen sind dagegen im vom Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier ausgearbeiteten, 40 Mrd. Euro schweren Programm, nicht vorgesehen.
Das politische Stehaufmännchen des Januars 2009 wird Roland Koch. Das meint eine überwältigende Mehrheit der FTD.de-Leser. Thorsten Schäfer-Gümbel von der SPD traut dagegen kaum jemand einen Sieg zu. Noch eher wird es laut unserer Umfrage zu einem erneuten Patt im Wiesbadener Landtag kommen.
Die SPD verliert in den neuen Bundesländern zunehmend ihre Rolle als eine von zwei Volksparteien. In die Lücke springt die Linkspartei - 2009 auch mit messbarem politischen Erfolg. Eine bemerkenswert große Minderheit der FTD.de-Leser traut der Partei 2009 zu, erstmals einen Ministerpräsidenten zu stellen. Namen von Spitzenkandidaten, die man sich vielleicht merken muss: Bodo Ramelow (Thüringen), André Hahn (Sachsen) und Kerstin Kaiser (Brandenburg). Der Kandat für das Saarland ist dagegen ein alter Bekannter: Ex-Ministerpräsident Oskar Lafontaine.
Diese Prognose wird kaum zu halten sein - das meinen nicht nur unsere Leser, sondern auch Wirtschaftsforschungsinstitute. Intern rechnet die Regierung angeblich schon mit einem Schrumpfen der Wirtschaftsleistung um rund zwei Prozent. Die pessimistischsten Forscher finden sich bislang im Kieler Institut für Weltwirtschaft mit einer Prognose von minus 2,7 Prozent.
Er würde sich schämen, müsste seine Bank unter den Rettungsschirm der Bundesregierung schlüpfen. Mit diesem Satz erzürnte Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann im Herbst Finanzminister Peer Steinbrück und Kanzlerin Angela Merkel. Schließlich, so ließen die beiden durchsickern, sei Ackermann einer der geistigen Väter des Schirms. Die Mehrheit unserer Leser glaubt, Ackermann muss sich nicht schämen. Die Minderheit ist jedoch bemerkenswert groß.
Diese Bankenehe wird bis vor den Altar geführt - denn was muss, das muss. So sieht es eine klare Mehrheit der FTD.de-Leser. Was sie zum Umfragezeitpunkt noch nicht wissen konnten: Am 3. Januar scheiterte Commerzbank-Chef Martin Blessing mit dem Versuch, sich vorzeitig zum Dresdner-Vorstand wählen zu lassen, an der Arbeitnehmerbank im Aufsichtsrat. Der Akt des Widerstands dürfte jedoch symbolisch bleiben: Auf der Februarsitzung dürfte Aufsichtsratschef Michael Diekmann mit seinem doppelten Stimmrecht für eine Wahl Blessings sorgen. Das Ereignis zeigt jedoch: Bei dieser Vereinigung knirscht es gewaltig.
Deutschland braucht keine sieben eigenständigen Landesbanken. Das ist die klare Meinung der Mehrheit der FTD.de-Leser. Weniger als fünf werden es Ende des Jahres sein. Das Problem: Niemand traut sich derzeit, sich mit einem anderen der öffentlich-rechtlichen Geldhäuser zusammenzuschließen. Denn man weiß ja nie, welche bislang unbekannten Gefahren noch in den Büchern schlummern.
Die Frage nach der möglicherweise größten Industriefusion des Jahres hierzulande bringt ein bemerkenswert knappes Ergebnis. Zwar geht die Mehrheit der FTD.de-Leser davon aus, dass Maria-Elisabeth Schaeffler und Jürgen Geissinger die Übernahme irgendwie stemmen werden - Automobilkrise und Kreditklemme zum Trotz. Die Minderheit derjenigen, die Continental eine eigenständige Zukunft zutrauen, ist jedoch mehr als 40 Prozent groß. Schaefflers Problem: Durch die Übernahme stiege die Verschuldung auf rund 10 Mrd. Euro - mitten in der Wirtschaftskrise möglicherweise zu viel. Nach FTD-Informationen haben sich Schaefflers Banken inzwischen den Zugriff auf Continental-Aktien aus Schaeffler-Besitz gesichert, wenn die Franken ihre Schulden nicht drücken.
Trotz zweistelliger Milliardenunterstützung aus Washington werden in diesem Jahr ein oder zwei der großen US-Autobauer insolvent. Das ist die deutliche Mehrheitsmeinung beim Leserorakel. Mit einer Pleite aller drei rechnet nur eine kleine Minderheit - schließlich gilt Ford noch als relativ stabil und verlangt auch kein Geld aus dem Rettungspaket der Bush-Regierung. Durchaus bemerkenswert ist der Anteil derer, die davon ausgehen, dass es alle drei schaffen.
Verwirrend - anders kann man die Informationspolitik der Porsche-Manager zur VW-Übernahme nicht bezeichnen. Erst kündigten sie eine schnelle Aufstockung der Anteile an - und trieben den Kurs der VW-Stammaktien über 1000 Euro. Anschließend hieß es aus Zuffenhausen, die Zahl der Optionen, mit denen der Kauf finanziell abgesichert wurde, sei verringert worden. Trotz des Hin und Hers: Die Mehrheit der FTD.de-Leser glaubt an die Übernahme im Jahr 2009. Die Vertreter der Minderheitsmeinung sind allerdings auffällig zahlreich.
"Ich kann zwar die Bahn der Gestirne berechnen, doch nicht, wohin eine verrückte Menge die Börsenkurse treibt." Die FTD.de-Leser sehen es offenbar genauso wie Isaac Newton, dem dieses Zitat zugeschrieben wird. Für alle vier vorgegebenen Dax-Punktespannen fand sich eine nahezu gleiche Zahl von Befürwortern. Eine hauchdünne Mehrheit ergibt sich für "Unter 4000". Newton verlor übrigens beim Platzen der Südsee-Blase an der Londoner Börse 1720 ein Vermögen.
Viel eindeutiger als beim Dax ist dagegen die Stimmungslage der FTD.de-Leser beim Euro. Am Ende des Jahres werde die Gemeinschaftswährung ungefähr da stehen, wo sie es auch heute tut - zwischen 1,30 und 1,50 $. Viele sehen den Euro auch noch deutlich höher. Kaum jemand rechnet dagegen mit einem Absturz. Trifft diese Einschätzung zu, wird es von der Währungsseite für die exportorientierte deutsche Wirtschaft keinerlei Unterstützung geben.
Die alten Höchststände beim Öl von mehr als 100 $ sind - zumindest für 2009 - Vergangenheit. Das ist die klare Meinung der FTD.de-Leser. Rund um den heutigen Preis wird sich Öl in den kommenden Monaten einpendeln. Damit wäre die größte Förderkürzung seiner Geschichte, die das Ölkartell Opec im Dezember beschloss, ergebnislos verpufft.
Die Wahrscheinlicheit, dass ein Herbstmeister auch Deutscher Meister wird, liegt statistisch bei gut 60 Prozent. Doch dieses Jahr wird das anders, meinen die FTD.de-Leser: Champions-League ja, Meister nein. So lautet die Mehrheitsmeinung. Und die Zahl derer, die glauben, dass Hoffenheim sogar auf einen Uefa-Cup-Platz abrutschen wird, ist größer als die Zahl derer, die mit einem Verbleib zum Saisonende auf dem derzeitigen Spitzenplatz rechnen. Und klappt es nicht auf dem Platz für Bayern München, das zeigte sich jüngst, muss halt "Kaiser" Franz Beckenbauer mit verbaler Verunsicherung der Badener ran.
Was treibt diesen Mann? Angeblich, so die jüngste Spekulation, will er die Aufmerksamkeit durch die erneute Tour-de-France-Teilnahme nutzen, um sich zunächst zum Gouverneur von Texas und dann zum US-Präsidenten wählen zu lassen. Kein Gerücht ist, dass Armstrong allen, die es mit dem Antidopingkampf im Radsport ernst meinen, durch seine Teilnahme einen Bärendienst erweist. Beobachter sprechen von "Freakshow". Einen Sieg trauen unsere Leser ihm nicht zu.
  • FTD.de, 06.01.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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