Sind das nur persönliche Eitelkeiten? Oder tobt tatsächlich ein erbitterter Kampf zwischen den deutschen Feuilletons? Der Kulturchef der "Süddeutsche Zeitung" ("SZ") soll unter Pseudonym einen Schwedenkrimi geschrieben haben, in dem er nicht nur einen Ex-Kollegen grausam meucheln lässt - sondern sogar veritablen Rufmord begeht. Der Autor dichtet dem Ermordeten auch noch ein paar schmutzige Sexgeschichten an.
Wie die Tageszeitung "Die Welt" behauptet, gibt es den Schriftsteller Per Johansson überhaupt nicht. Dessen Name steht auf dem Cover, und als dessen Debüt sollte der Roman nächste Woche erscheinen. Mittlerweile hat auch der S. Fischer Verlag zugegeben: Der Name ist ein Pseudonym. Im Thriller "Der Sturm" wird die Figur Christian Meier, Chefredakteur einer großen deutschen Tageszeitung, "zerteilt, auseinandergerissen und zerfetzt". Und dieser Mann hat laut "Welt" jede Menge Ähnlichkeit mit einer real existierenden Figur der Branche: dem Mitherausgeber und Ex-Feuilletonchef der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ("FAZ"), Frank Schirrmacher.
Tatsächlich passt hier einiges zusammen: von der Kleidung (bis hin zu den rahmengenähten Brogues) über die Themenvorlieben (Genome sowie die Vermischung von Wissenschaft und Feuilleton) bis hin zum Arbeitsplatz (könnte auch die "FAZ" sein). Können so viele Ähnlichkeiten mit Schirrmacher Zufall sein?
Die Spurensuche beim Autor fällt schwerer. Bis Dienstag behauptete der Verlag, Johansson gebe keine Interviews, er sei Schwede und wohne in Berlin. Heute weiß man: Er existiert gar nicht. Ebenso nebulös ist die Identität der deutschen Übersetzerin. Die kennt weder der Berufsverband noch sonst jemand in der Branche. Und in Schweden ist das Buch noch gar nicht erschienen.
Der Verlag verbreitet nun die Version, es handele sich bei Johansson um ein "Autorenduo". Selbstkritisch fügte die Leiter der Presseabteilung Martin Spieles hinzu: "Bei der Inszenierung dieses Pseudonyms - das bezieht sich auch auf das Foto und die Übersetzerin - haben wir übertrieben."
"Welt"-Autor Richard Kämmerlings - früher selbst bei der "FAZ" angestellt - hat einen konkreten Verdacht. Autor des Buchs sei Thomas Steinfeld, der Feuilletonchef der "Süddeutschen Zeitung". Der war früher Literaturchef bei der "FAZ", zerstritt sich aber mit Schirrmacher und verließ 2001 grollend das Blatt. Einer der Streitpunkte waren unterschiedliche Standpunkte zur Rechtschreibreform und die Platzierung von Wissenschaftsthemen im Feuilleton.
Auf Steinfeld deutet so einiges hin: Er arbeitete längere Zeit in Schweden, hat dort ein Wochenendhaus, und er schrieb ein Buch über Schwedenkrimis. Bis hin zu seinem Faible für Bob Dylan und seiner Abneigung gegen Schirrmacher passt noch einiges mehr aus dem Plot in das bisherige Schaffen des promovierten Germanisten. Steinfeld ist im Moment nicht erreichbar und hat sogar seine Mobilnummer aus dem Intranet der "SZ" streichen lassen.
Literarische Morde in Büchern sind keine Seltenheit. Schon 2002 hat der Buchautor Martin Walser seinen Intimfeind, den Großkritiker Marcel Reich-Ranicki, nur notdürftig verfremdet im Bestseller "Tod eines Kritikers" abgemurkst.
In "Der Sturm" aber werden dem Ermordeten - das ist der eigentliche Skandal - unschöne Eigenschaften angehängt. So habe er sich "in Chatforen herumgetrieben, in denen es offenbar vor allem um Kontakte zwischen älteren Männern und sehr jungen Frauen ging". Der literarischen Figur, die Schirrmacher sein soll, wird auch nachgesagt: "Außerdem ging er ja, was jeder wusste, in den Puff."
Schirrmacher, der im Moment im Urlaub weilt, ließ auf Anfrage nur einen einzigen Satz vermelden: "Ich lese keine schwedischen Krimis - mehr möchte ich dazu nicht sagen." Wir wollen mal hoffen, dass er seinen Urlaub nicht in Schweden verbringt.