Andy Warhol hätte gefallen, was da gerade in New York passiert. "Öffentliche Aufmerksamkeit ist wie Erdnüsse essen. Wenn du einmal angefangen hast, kannst du nicht mehr aufhören", sagte der Pop-Art-Künstler einst. 25 Jahre nach seinem Tod bekommt er in der US-Metropole nun gleich zweimal die ganz große Bühne. Wenn am heutigen Dienstag im Metropolitan Museum of Art die Retrospektive "Regarding Warhol: Sixty Artists, Fifty Years" startet, können Fans Dutzende Werke des Meisters und der von ihm Inspirierten bestaunen.
Und von November an können sich Tausende Anhänger sogar einen echten Warhol ins Wohnzimmer hängen. Dann wirft die Warhol-Stiftung, die den Nachlass des Künstlers verwaltet, all ihre verbliebenen Stücke auf den Markt, per Exklusivvertrag mit dem Auktionshaus Christie's. Es ist der größte Warhol-Abverkauf aller Zeiten: 20.000 Werke aus vier Jahrzehnten, darunter Bilder, Zeichnungen und Polaroids, zu haben ab ein paar Tausend Dollar . Aber auch Glanzstücke wie eine Jackie-Kennedy-Collage für erwartete 200.000 bis 300.000 Dollar sind im Angebot - oder "Three Targets", ein fast sechs Meter breiter Siebdruck dreier Zielscheiben mit Einschusslöchern, taxiert auf 1 bis 1,5 Mio. Dollar.
Warhol sei perfekt, um ein solches Mammutprojekt zu starten, sagt Joel Wachs, Präsident der Warhol Foundation. Nicht nur sei er einer der bekanntesten Künstler überhaupt. Auch wäre er begeistert angesichts dieser "Demokratisierung von Kunst". 100 Mio. Dollar will die Stiftung mit der auf vier Jahre angelegten Aktion einnehmen, das Stiftungsvermögen auf 225 bis 230 Mio. Dollar steigern, Kosten für Versicherungen und Lagerungen einsparen.
Hinter den Verkäufen steht philanthropisches Kalkül. Regelmäßig hat die Stiftung bislang einige Werke verkauft, um ihre Tätigkeiten zu finanzieren. Das Geld reicht sie zum Großteil an Museen und Künstlergruppen weiter. In den vergangenen 25 Jahren wurden so rund 250 Mio. Dollar verteilt, allein 2011 waren es 13 Mio. Dollar. Weil aber immer weniger andere für solche Zwecke geben, sieht die Stiftung sich im Geiste Warhols in der Pflicht: Dank der erwarteten Erlöse sollen noch höhere Spenden möglich werden. "Die öffentlichen und privaten Mittel für Künstler sind seit der Krise dramatisch gesunken", begründet Wachs die Verkaufspläne.
Am 12. November werden die ersten 350 Werke im New Yorker Auktionsraum von Christie's aufgerufen. Im kommenden Februar folgen allgemein zugängliche Onlineauktionen, auch private Kauftermine sind geplant. "Wir bringen Warhol auf den breitestmöglichen Markt", sagt Toby Usnik von Christie's. Im vergangenen Jahr hatte das Unternehmen bereits mit der Onlineversteigerung der Sammlung von Elizabeth Taylor Erfolg. "Das wird die wohl größte Warhol-Party", sagt Usnik.
"Es geht bei den Auktionen nicht darum, Marylins und Elvise loszuschlagen", sagt Wachs in Anspielung auf einige der teuersten Werke des Künstler. "Wenn wir die noch hätten, könnten wir auf eine solche Aktion verzichten und sie direkt verkaufen." Aber es gebe im Fundus der Stiftung jede Menge deutlich preiswertere Stücke, die alle "ganz wundervoll" seien. "Die Auktionen bieten auch einfachen Menschen die Chance, einen Warhol zu erwerben." Genau davor fürchtet sich Alberto Mugrabi, Spross einer der wichtigsten Warhol-Sammlerfamilien. "Das ist absolut unverantwortlich", wetterte er in der "New York Times". Da habe die Stiftung so ein großartiges Produkt und werfe es auf den Markt, als führe sie "massenweise Rinder zur Schlachtbank". "Er wollte uns die Stücke selbst abkaufen, und wir haben Nein gesagt", erklärt Wachs Mugrabis Wut.
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Auch der Kunstmarktexperte Nicholas Forrest nennt die schiere Masse an Warhols durchaus beunruhigend. Christie's werde aber alles tun, um negative Effekte auf den Markt zu verhindern, hofft er. Und der ehemalige Sotheby's-Abteilungsleiter Patrick van der Vorst erklärt im Internetportal Business Insider: "Das bedeutet ja nicht, dass 20.000 neue Werke geschaffen wurden. Es hat sie immer gegeben." An der Seltenheit und dem Wert teuer gekaufter Warhols ändert sich also nichts. Zumal Christie's einen Hype um die Auktion machen und so die Preise hochhalten dürfte. Im Vergleich nimmt sich der erwartete Erlös allerdings recht bescheiden aus. Allein Warhols "Double Elvis (Ferus Type)" fand im Mai bei Sotheby's für 37 Mio. Dollar einen neuen Eigner, der "Green Car Crash" erzielte bei Christie's vor fünf Jahren 71,7 Mio. Dollar.
Ist die Ausverkaufsparty vorbei, ist die Stiftung wieder auf ihre traditionellen Erlöswege angewiesen. Mit der weltweiten Vermarktung der Marke Warhol nimmt sie jährlich zwischen 2 und 3 Mio. Dollar ein. Bierflaschen mit dem Konterfei des Künstlers in Deutschland, Teppiche in Ägypten. Und in Japan Kondome mit Warhol-Camouflagemuster. Aufschrift: "They'll never see you coming."