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Merken   Drucken   05.10.2012, 14:46 Schriftgröße: AAA

Bond-Bösewichte: Weltherrschaft? Leider geil

Nun vergessen Sie mal den ollen 007! Weitaus spannender als der eitle Geheimagent sind dessen Gegenspieler: ambitionierte Unternehmer allesamt, mit Stil, Vision und faszinierenden Firmenzentralen. Ein Überblick zum 50. Geburtstag von James Bond.
von Rainer Leurs
Dr. No, gespielt von Joseph Wiseman   Dr. No, gespielt von Joseph Wiseman

Julius No ist Atomwissenschaftler, Inhaber einer Bauxitmine und nebenbei der erste Bond-Gegner überhaupt - Uraufführung des Films war am 5. Oktober 1962. Offiziell Chinese, sieht No verwirrenderweise aus wie der junge Tommy Lee Jones. Kennzeichen: eine slicke Playmobilfrisur sowie zwei zupackende Handprothesen.

Das Geschäftsmodell Mithilfe mysteriöser Energiewellen will No Raketen zum Absturz bringen, die die Nasa in Cape Canaveral starten lässt. Ziel dabei: Erringen der Weltherrschaft. Details auf Anfrage.

Der Style Nos Sicherheitsangestellte dürfen Khakiuniformen mit Mützchen im japanischen Weltkrieg-zwei-Stil tragen. Alle anderen heben die Arbeitsmoral mit kreischbunten Schutzanzügen.

Das Hauptquartier Ist deutlich von der Bahnhofshallenarchitektur der späten 50er-Jahre inspiriert. Gebohnert der Steinboden, die Wände gerahmt von schlanken Stahlträgern. Steuerpulte und Überwachungsmonitore reihen sich aneinander, als Accessoire dient ein riesiger Globus (wegen Weltherrschaft!). Must-have: das dekorativ ins Gesamtbild eingebundene Abklingbecken eines Reaktors, aus dem Dr. No die Energie für seine Wellen bezieht.

Lesson to Learn Wie genau Sie Ihre Ziele erreichen, geht keinen was an. Businesspläne sind was für Mädchen! Lassen Sie sich außerdem von niemandem erzählen, was Sie können und was nicht. Ob Sie Chinese sind, entscheiden ganz allein Sie selbst.

Der britische Schauspieler Donald Pleasence als Ernst Stavro Blofeld   Der britische Schauspieler Donald Pleasence als Ernst Stavro Blofeld

Ernst Stavro Blofeld ist ein charismatischer Katzenliebhaber mit Narbe und kahlem Kopf - genau der Mann also, der später in "Austin Powers" auf tragische Weise zu Tode parodiert wird. Blofelds Gesicht sieht man überhaupt erst gegen Ende des Films, ansonsten ist er immer wie zufällig verdeckt. Neigt zu Anzügen in honeckeresken Zementtönen.

Das Geschäftsmodell Blofeld entführt sowjetische und amerikanische Raumschiffe, um die beiden Supermächte gegeneinander aufzuwiegeln. Bricht Krieg aus, kassiert er eine Prämie von den Chinesen.

Der Style Alle Mitarbeiter sind farblich sortiert, mit roten, weißen und gelben Overalls. Praktisch: So weiß man immer, in welcher Abteilung der Flegel arbeitet, der einen im Aufzug nicht gegrüßt hat.

Das Hauptquartier Ein erloschener Vulkan dient Blofeld als Firmenzentrale, das Dach lässt sich hydraulisch öffnen und schließen. Im Inneren des Bergs: viel unbehauener Fels, japanische Papierwände und ein Bassin mit hungrigen Piranhas. An selbige verfüttert Blofeld entbehrlich gewordene Angestellte per Falltür.

Lesson to Learn Klare Zuständigkeiten schaffen! Wer seinem Team klarmacht, wer für was verantwortlich ist, kann sich selbst zurücknehmen und manisch den Kopf seiner Miezekatze kraulen.

Yaphet Kotto als Mister Big/Doktor Kananga   Yaphet Kotto als Mister Big/Doktor Kananga

Mister Big betreibt in New York und New Orleans eine Restaurantkette namens Fillet of Soul. Seine greulich-schwitzige Gangstervisage ist in Wirklichkeit eine Latexmaske - nimmt Big diese ab, verwandelt er sich in Doktor Kananga, den Diktator eines karibischen Zwergstaats.

Das Geschäftsmodell Big und Kananga sind ein One-Man-Dreamteam: Der eine baut im großen Maßstab Mohn an und schützt seine Felder mit Voodoozauber. Der andere wiederum erledigt den Vertrieb über seine Restaurantkette - genauer: Er verschenkt tonnenweise Heroin und steigert dadurch die Zahl der Süchtigen. Ziel ist eine Monopolstellung im Drogenhandel.

Der Style Afrolook, enge Hosen mit Schlag, Karojacketts und Goldschmuck. Mister Big und Doktor Kananga waren Wegbereiter für Lenny Kravitz.

Das Hauptquartier Sieht verstörenderweise exakt so aus wie eine beliebige In-Bar des 21. Jahrhunderts. Weiße Kugelboxen, rot geklinkerte Wände, Fadengardinen, Flokati. Must-have-Accessoire am Plexiglaskonferenztisch: Stühle mit ausklappbaren Handfesseln.

Lesson to Learn Wer sein Produkt kurzfristig unter Preis an den Mann bringt, gewinnt Neukunden und drängt die Konkurrenz aus dem Markt. Oh, und Voodoo. Voodoo ist auch immer gut.

Der britische Schauspieler  Christopher Lee als "Francisco ...   Der britische Schauspieler Christopher Lee als "Francisco Scaramanga"

Francisco Scaramanga ist ein Sonderfall unter den Bond-Gegnern: Er hat Auftragsmörder gelernt, auf den Chefposten eines Solarunternehmens kam er dann als Quereinsteiger.

Das Geschäftsmodell Mit Glück, Geschick und Brutalität ist Scaramanga an ein wichtiges Modul zur Gewinnung von Sonnenenergie gekommen. Die Technik will er jetzt monopolartig verkaufen, ohne allerdings deren genaue Funktionsweise zu blicken: "Angeblich entsteht die Energie hier drin, irgendwo", sagt er - das muss reichen.

Der Style Als CEO kleidet sich Scaramanga auffallend casual, entweder im weißen Anzug oder im himmelblauen Overall. Gern bastelt er Schusswaffen aus Kulis und anderen Büroutensilien.

Das Hauptquartier Potenzielle Kunden empfängt er auf einer Privatinsel. Dort steht zu Demonstrationszwecken ein komplettes "Sonnenenergiekraftwerk" mit Laserkanone und mehreren Kesseln voller flüssigem Helium. Was man halt so braucht, um Strom aus Sonnenenergie zu gewinnen.

Lesson to Learn Schön, die Solarbranche kriselt. Na und? Hören Sie mit dem Genöle auf und denken Sie konstruktiv: Was sind schon ein paar chinesische Wettbewerber, wenn man eine Laserkanone besitzt?

Michael Lonsdale als Hugo Drax   Michael Lonsdale als Hugo Drax

Hugo Drax betreibt ein Raum- und Luftfahrtunternehmen mit Zulieferern in aller Welt. Davon lebt er entsprechend: Der Bartträger mit dem hochgeschlossenen Jackett residiert in einem Schloss, das er in Frankreich abreißen und in Kalifornien Stein für Stein wieder aufbauen ließ.

Das Geschäftsmodell Mit Raumgleitern aus eigener Fertigung schickt Drax eine Auslese junger Paare in die Erdumlaufbahn. Den ganzen Rest der Menschheit will er mit Nervengas beseitigen, um hernach als CEO einer überlegenen Zivilisation auf die Erde zurückzukehren.

Der Style Überaus abwaschbar. Sämtliche Arbeiter laufen mit gelben Ganzkörperregenjacken herum, eine Ausnahme bilden nur die Herrenmenschen für den Lebensborn im Orbit. Aber die sollen sich ja sicher eh bald ausziehen.

Das Hauptquartier Besser wird's nicht. Selbst Drax' gigantischer Fertigungspark stinkt noch ab gegen die eigentliche Unternehmenszentrale: eine amtliche Raumstation mit künstlicher Schwerkraft und Tarnvorrichtung. Fraglich: Wo zahlen die jetzt eigentlich Gewerbesteuer?

Lesson to Learn Langfristig denken. Wenn Sie kein geeignetes Personal finden, investieren Sie in den Nachwuchs. Investmentbanken und Onlinepokeranbieter sollten außerdem die Sache mit der Raumstation erwägen. Stichwort: Offshoring.

Jonathan Pryce als Elliot Carver   Jonathan Pryce als Elliot Carver

Schwarzer Rolli, randlose Brille, graues Haar: Das ist nicht Steve Jobs, sondern Elliot Carver, Chef des Verlagskonzerns Carver Media Group Network (CMGN). Dieser betreibt neben Fernsehsendern vor allem Zeitungen und Magazine in aller Herren Länder.

Das Geschäftsmodell Mit CMGN strebt Carver die Informationsweltherrschaft an. Dazu braucht er exklusive Hammerstorys, und die macht er seinen Redaktionen selbst - indem er heimlich einen Krieg zwischen China und Großbritannien provoziert.

Der Style 19 Zoll sind nicht genug. Seine Schlagzeilen textet Carver am liebsten auf einem riesigen Videoscreen, in der Hand ein kabelloses Eingabegerät, das verdächtig nach iPad aussieht.

50 Jahre 007 Frauen, Schurken, Autos - Bonds Beste

Das Hauptquartier Steht in Hamburg, in Hafennähe. Viel Glas, viel Stahl, künstliche Bäume im Foyer. Wer sich so was immer ausdenkt!

Lesson to Learn Auch Printmedien haben eine Zukunft. Alles, was man braucht, ist ein visionärer Verlagschef - und ein klitzekleiner Atomkrieg. Wie heißt es so schön? Sag niemals Nie.

  • Aus der FTD vom 06.10.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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