Fast wäre sein Traum vom eigenen Warhol wahr geworden: ein "Dollar Sign" aus den frühen 80ern für 60.000 Dollar. Die Finanzierung steht, seine Eltern wollen ihm dabei helfen. Doch eine widerspenstige Kreditkartenmaschine zerstört diesen Traum. Die Anzahlung des Deutschen für das Bild will einfach nicht durchgehen. Damals, 1999, in einer Galerie irgendwo in San Francisco.
Jens Buchwald* will am folgenden Tag wiederkommen, wenn die Maschine nicht mehr zickt. Doch dann steht der damals 29-jährige Fondsmanager plötzlich vor der Entscheidung: Bild oder Bildung. Denn als er von der Galerie nach Hause kommt, wartet die Zusage für ein MBA-Studium an der Kaderschmiede Insead nahe Paris auf ihn. Der Warhol bleibt in der Galerie, und Buchwald geht wenig später nach Fontainebleau.
Mittlerweile erzielen die Werke des Pop-Art-Künstlers auf Auktionen Rekordpreise. Im Juni wechselte bei einer Christie's-Auktion ein kleinformatiges Exemplar des "Dollar Sign" für 217.250 Pfund (rund 273.000 Euro) den Besitzer. Buchwald hat seinen Verzicht trotzdem nicht bereut. Mittlerweile arbeitet er als gut bezahlter Investmentbanker in Frankfurt. "Der MBA war auf jeden Fall die bessere Geldanlage."
Das Interesse an Kunst ist geblieben: In seiner Wohnung hängen mehrere farbintensive Werke des Franzosen Eric Decastro, der abstrakt malt und immer wieder mit neuen Techniken experimentiert. Buchwalds neueste Zukäufe sind zwei Werke von Mike Hentz, mit dem Decastro vor Kurzem zusammen ausgestellt hat.
Keines davon ist ansatzweise so teuer wie der entgangene Warhol. Mehr als 10.000 Euro dürfe ein Werk nicht kosten, sagt Buchwald, der wie die meisten Sammler seinen wirklichen Namen nicht in einem Magazin gedruckt sehen möchte - Einbruchsrisiko! "Mein Limit sind mein Kontoauszug und meine Frau." Dennoch ist über die Jahre eine ansehnliche Sammlung zusammengekommen. Buchwald geht die Auswahl von zwei Seiten an: "Vor allem müssen mir ein Künstler und sein Werk gefallen", sagt er, "aber die Wertentwicklung ist für mich auch wichtig."
Das Interesse der Deutschen an Kunst als Kapitalanlage ist so groß wie nie zuvor. Die Angst vor Inflation und der Mangel an gut verzinsten, sicheren Anlagen rücken Gemälde, Skulpturen und Fotografien in den Blickpunkt vieler Anleger, die sich bislang kaum in Galerien oder auf Auktionen gewagt haben. Neben dem Kunstgenuss lockt die Aussicht auf ein wertbeständiges Investment. Mein Haus, mein Boot, mein Auto - warum nicht auch mein Warhol?
| Preise: Was ist ein Kunstwerk wirklich wert? |
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| Warum Galerien und Messen auf diese Frage kaum eine Antwort liefern Intransparent und illiquide - so ist der Kunstmarkt. Ein Gemälde oder eine Videoinstallation ist nun mal keine Aktie: Der Wert lässt sich nicht auf Knopfdruck bestimmen. Öffentlich sind nur die Auktionsergebnisse, die je nach Werk und Situation aber stark schwanken können. Für viele Künstler gibt es keinen Markt. Ihre Werke werden von den Auktionshäusern gar nicht erst angenommen, sie werden ausschließlich von Galerien oder auf Kunstmessen verkauft. Was dort ausgehandelt wird, bleibt zumeist das Geheimnis von Käufer und Verkäufer. Die Preise auf den Schildern stellen lediglich eine Verhandlungsbasis dar, Paketvereinbarungen ("Den Gerhard Richter gibt's nur, wenn Sie auch das Werk eines Nachwuchskünstlers von mir kaufen.") sind nicht unüblich. Wichtig für die Wertbestimmung ist ein Beleg der Echtheit: eine Signatur des Künstlers, ein Gutachten über die Authentizität oder eine Dokumentation der Herkunft. Meist gilt die Regel: Je seltener eine Arbeit ist, desto teurer ist sie. Für Editionen, also eine Serie von Werken mit demselben Motiv, wird weniger bezahlt als für ein Unikat. In der Fotografie sind Editionen von vier bis sechs Stück üblich, größere Umfänge sollten einen stutzen lassen. Bei verstorbenen Fotografen ist auf den Unterschied zwischen posthum entstandenen Abzügen und den wertvolleren Originalprints (Vintage Prints) zu achten. Manchmal bieten sich gute Gelegenheiten zum Kauf, wenn sich ein Kunstwerk zu einem Auktionshaus verirrt, das im Markt für andere Schwerpunkte bekannt ist. |
An Kaufgelegenheiten herrscht kein Mangel. Galerien präsentieren sich und die Werke ihrer Künstler in immer kürzeren Abständen und in immer größerem Rahmen: Auf der erstmals abgehaltenen Berlin Art Week boten im September 129 Galerien aus 18 Ländern zeitgenössische Werke zum Verkauf an. In Hamburg verwandelten kürzlich Künstler für zwei Tage das Stadion des FC St. Pauli in eine Galerie der besonderen Art: Südkurve und Haupttribüne wurden zur Ausstellungsfläche für eine wilde Mischung aus Street-Art, Fotografie, Malerei, Installation und Performance - Fußballfans kauften in Scharen. Ebenfalls in Hamburg findet im November die Affordable Art Fair statt, bei der kein Werk mehr als 5000 Euro kostet. Der Londoner Galerist Will Ramsay, der das Konzept in 13 weitere Städte getragen hat, will zeitgenössische Kunst auch denen nahebringen, die sich bislang nicht an die Szene herangetraut haben. "Die Kunstszene brauchte mehr Demokratisierung, damit mehr Käufer auf den Markt kommen", sagt Ramsay.
Spektakuläre Auktionen wie die der Warhol Foundation halten das Interesse am Thema Kunst hoch. Mithilfe des Auktionshauses Christie's bietet die Stiftung ab dem 12. November 20.000 Werke des 1987 verstorbenen US-Stars zum Verkauf an. Für jeden wird etwas dabei sein: vom Polaroid oder einer Zeichnung für ein paar Tausend Dollar bis hin zum Siebdruck "Three Targets", der mit einem Schätzpreis von 1 bis 1,5 Mio. Dollar ins Rennen geschickt wird.
Kaum jemand registriert die wachsende Bedeutung von Kunst als Kapitalanlage besser als die Experten von Berenberg Art Advice, an der die gleichnamige Hamburger Privatbank beteiligt ist. Das Team von Stefan Horsthemke erhält 30 bis 40 Anfragen pro Woche von Kunden, die für ein Werk mindestens 75.000 Euro ausgeben wollen. "Diese Menschen interessieren sich für Kunst, weil sie Leidenschaft mit Investment verbinden wollen", sagt Horsthemke. "Sie suchen eine krisensichere Anlage, wollen die Risikostreuung ihrer Anlage verfeinern oder verstehen eine eigene Sammlung als Statussymbol oder beständiges Lebenswerk." Sieben bis neun Prozent Rendite seien langfristig mit Kunstwerken durchaus zu erzielen, prognostiziert der Experte. Nicht schlecht in Zeiten, in denen zehnjährige Bundesanleihen kaum 1,5 Prozent abwerfen.
* Name von der Redaktion geändert