Unser Autor Willy Theobald stellt jede Woche seine Beobachtungen zum Kulturbetrieb vor.
Es gibt viele Wege, dem Chef seine Ergebenheit zu zeigen. Man kann sich in einen kratzfüßigen Bückling verwandeln, sobald er des Weges kommt, oder ihn mit einem in flauschigem Welpenfell neu bezogenen Bürostuhl überraschen. Bereits in der ersten Folge der US-Serie "Boss" ist eine Demutsgeste zu sehen, die auch die devotesten Büroschleimereien übertrumpft: Ein Untergebener mit Kopfverband überreicht dem Boss ein Kästchen mit Schleife und verspricht, in Zukunft besser auf ihn zu hören. Im Kästchen liegen: beide Ohren des Verbundenen (die ihm der Boss tags zuvor zur Strafe für Ungehorsam abschneiden ließ).
Der Boss ist Tom Kane, und er ist nicht nur der Chef irgendeines Unternehmens, sondern gleich einer ganzen Stadt: Der sagenhaft skrupellose Bürgermeister von Chicago, ein Old-School-Königsmacher, -Armverdreher und -Beißterrier. In den USA läuft nächste Woche die zweite Staffel der Serie an, in Deutschland kann man sich Kanes mafiöse Machenschaften aus der ersten Staffel derweil auf DVD anschauen. Und dabei nicht selten eine Faust im Magen spüren, die einem mit Schmackes auf die empfindlichen Organe haut.
Schon die allererste Szene ist viel zu groß fürs Fernsehen: Kane erfährt von seiner Ärztin, dass er eine unheilbare Nervenkrankheit hat, bald mehr und mehr die Kontrolle über sein Sprachzentrum verlieren und schließlich zu einem zitternden, hilflosen Pflegefall werden wird. Vier, vielleicht fünf Jahre hat er noch. Der Boss ringt um Worte und sagt dann mit unbewegtem Molchgesicht nur einen Satz: "Zittern, das geht nicht." Das Gespräch findet - blumigste Metaphorik! - in einem alten Schlachthof statt, aus Diskretionsgründen. Denn Kane wird niemandem von seiner Krankheit erzählen und die Stadt weiter eisern in seinem Schraubzwingengriff halten, solange es seine Kräfte eben noch zulassen.
Kelsey Grammer, bekannt aus den Sitcoms "Cheers" und "Frasier", gibt den grundzynischen Bürgermeister (der die geschenkten Ohren übrigens komplett ungerührt zu Hause in den Küchenausguss wirft und sich nur ein bisschen ärgert, als der daraufhin verstopft) und bekam dafür einen Golden Globe als bester Seriendarsteller. Zu Beginn seiner Karriere spielte er am Broadway in "Macbeth" und "Othello". Auch bei "Boss" finden sich Shakespeare-Anleihen: Kane erinnert an King Lear - den großen König, der ins Wanken gerät und dessen Hofstaat sich gegen ihn verschwört (inklusive verstoßener Tochter mit edlem Herzen - allerdings auch einer störenden Drogenpassion).
Ob die Machtmaschine Kane in der zweiten Staffel ähnliche Selbsterkenntnis-Fortschritte macht wie der zerschundene König Lear? Wird er am Ende gar milder? Auf dem Werbeplakat für die neue Staffel ist der Boss jedenfalls mit einem Fleischerhaken zu sehen, während die restlichen Charaktere ringsherum an ebensolchen Haken wie Schweinehälften von der Decke baumeln. Könnte eine Metapher sein. Vielleicht hat aber auch einfach jemand dem Boss wieder mal nicht zugehört.
| Die zweite Staffel von "Boss" startet am 17. August. Die erste Staffel ist bei Amazon.com erhältlich. |