Unser Autor Willy Theobald stellt jede Woche seine Beobachtungen zum Kulturbetrieb vor.
In New York habe ich sie einmal live erlebt - im Rainbow Room. Als der Vorhang nach oben schwebte, stand sie in einem einfachen schwarz-weißen Kleid fast regungslos auf der kleinen Bühne und hielt den Kopf leicht zur Seite geneigt. Das gleißende Licht eines Scheinwerfers malte scharf akzentuierte Kreise um ihre Füße. Sie sang "Walk On By", und ich schmolz dahin - das werde ich niemals vergessen.
Oder der Tag, an dem ich meine erste LP von Dionne Warwick kaufte. Das Album hieß "Soulful" und die hippieesk geformten, schrill-rotgrünen Buchstaben auf dem Cover brannten mir fast Löcher in die Netzhaut. Ihr Gesicht lag im Halbdunkel, war völlig ungeschminkt - und wirkte ungemein verletzlich. Neben perfekt arrangierten Beatles-Nummern begeistert sie darauf mit einer reduzierten Version von "I'm Your Puppet" - einem leichtgewichtigen Popsong, den sie zu einer schillernden Musikperle veredelt.
Jetzt kommt diese außergewöhnliche Entertainerin - eine der letzten großen Diven des Easy-Listening-Universums - endlich wieder nach Deutschland. Aber nur für ein einziges Konzert. Am 22. Mai spielt Warwick im Berliner Admiralspalast. Das sollten Sie sich keinesfalls entgehen lassen.
Die sechsmalige Grammy-Preisträgerin hat Songs im Repertoire, bei denen mir wohlige Schauer über den Rücken rasen: "Heartbreaker", "I'll Never Fall In Love Again" und "I Say A Little Prayer" gehören natürlich dazu. Warum Millionen von Menschen trotz der sagenhaften Leichtigkeit ihrer Songs eine willige Beute dieser Melodien sind, kann ich nicht wirklich erklären. Aber bei Warwick kommt alles zusammen, was Cocktail-Pop außergewöhnlich macht. Man hört das Kaminfeuer im Hintergrund knistern, glaubt das Eisbärenfell auf dem Boden zu sehen und spürt fast, wie man mit einem klingelnden Whiskyglas in der Hand in einem tiefen Ledersessel versinkt.
Natürlich hat auch Starkomponist Burt Bacharach großen Anteil an Warwicks weltweitem Erfolg. Mehr als 100 Millionen Tonträger verkaufte die aus New Jersey stammende Künstlerin. Ihre großen Hits stammen alle aus der Feder dieses Ausnahmemusikers, der seine Karriere als Bandleader von Marlene Dietrich begann. Sogar der meistens ziemlich großkotzige Oasis-Gründer Noel Gallagher ist voll des Lobes. Und Noise-Veteran John Zorn schrieb einmal: "Bacharachs Songs sprengen alle Erwartungen von dem, was ein Popsong sein sollte."
Einer der größten Fans von Dionne Warwick - das sollte nicht verschwiegen werden - ist US-Präsident Barack Obama. Er sang bei einer Veranstaltung in New York ein paar Zeilen von "Walk On By". Das ist natürlich kein Qualitätsausweis und war auch lausig schlecht.
Also, bevor sie sich diesen Song in der Präsidenten-Version antun: Freuen Sie sich auf das Original. Deshalb kann es am Dienstag nur eine Entscheidung geben: Hingehen!