Unser Autor Willy Theobald stellt jede Woche seine Beobachtungen zum Kulturbetrieb vor.
Eine Woche ist es her, dass an dieser Stelle über die Work-Life-Balance debattiert wurde. An diesem Samstag nun feiert am Berliner Maxim-Gorki-Theater die Dramatisierung eines Stückchens Literatur Premiere, das bereits vor über 100 Jahren aufzeigte, was aus der Vermischung von Beruf und Privatleben erwachsen kann: Tod und Wahnsinn nämlich.
Anlässlich von Gerhart Hauptmanns 150. Geburtstag inszeniert Armin Petras einmal keines der bekannten Stücke des sozialkritischen Autors. Dessen Arbeiteraufstandsdrama "Die Weber" etwa, das Kaiser Wilhelm II. bei der Premiere 1894 so erzürnte, dass er ob dieser "Rinnsteinkunst" seine Loge kündigte. Petras hat sich stattdessen einen Klassiker der Schullektüre ausgesucht. Er bringt Hauptmanns novellistische Studie "Bahnwärter Thiel" auf die Bühne.
Hauptmanns Figuren gingen den radikalstmöglichen Weg, sagte Regisseur Petras kürzlich in einem Interview. Das tut besagter Bahnwärter in der Tat: Als seine zweite Frau, eine wahre Furie, ihre Aufsichtspflicht vernachlässigt und Thiels geliebter Sohn aus erster Ehe darum vor einen Zug gerät und stirbt, erschlägt er seine Gattin und beider gemeinsames Kind. Der Bahnwärter selbst landet in der Irrenanstalt.
Generationen von Schülern haben sich an der Geschichte bereits abinterpretiert. Um dem noch etwas hinzuzufügen, sei aus Anlass der Dramatisierung ein Detail hervorgehoben, das meist recht wenig Beachtung erfährt, für heutige Berufstätige aber umso gewinnbringendere Erkenntnis bereithält: Auslöser der Tragödie ist auch ein Work-Life-Balance-Konflikt.
Thiel nämlich wird als Musterbild eines Mannes gezeichnet, der Arbeit und Privatleben wohl zu trennen weiß. Tagein, tagaus stapft er kilometerweit in den Wald, um gewissenhaft seine Schranke auf- und niederzukurbeln. Die Telegrafenmasten am Streckenrand erkennt er mit geschlossenen Augen an ihrem Sirren, so vertraut ist ihm sein Arbeitsplatz. Hat er jedoch Feierabend, verschwendet er keinen Gedanke mehr daran. Dann sitzt er vergnügt am Fluss und spielt mit seinen Kindern.
Bis zum folgenschweren Vermischen beider Sphären: Als eine Art Sondergratifikation darf Thiel ein Stückchen Land neben seinem Bahnwärterhäuschen als Kartoffelacker nutzen. Sein Weib soll ihn bestellen, also nimmt er es mit zur Arbeitsstelle, die Kinder im Schlepptau. Die Konsequenz: Unglück und Doppeltotschlag.
Wie gesagt, der radikalstmögliche Weg und zudem Folge eines lange schwelenden Irrsinns Thiels. Dennoch mag Hauptmanns tragischer Bahnwärter daran erinnern, was durch die zunehmende Überlappung von Arbeitswelt und Privatleben - neben dem durch berufliche E-Mails gestörten Sonntagsfrühstück - auch bedroht ist (und was oft vergessen wird): dass die Arbeit einmal ein Ort war, wo man endlich einmal seine Ruhe haben konnte von den heimischen Sorgen und Furien.
| Bahnwärter Thiel, Maxim Gorki Theater Berlin, Premiere am 17. November, weitere Termine: www.gorki.de |