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Merken   Drucken   20.04.2012, 13:21 Schriftgröße: AAA

Culture Club: Musik für Berlin-Hasser und andere Rebellen

Was soll das Theater, wo spielt die Musik? Unser Experte weist den Weg durch den Kulturbetrieb der nächsten Woche. Diesmal: Die Band Kraftklub auf Tour.

Also - ich weiß ja nicht. Wie Teeniestars sehen die fünf Jungs nicht aus: Röhrenjeans, Collegejacken, weiße Polohemden und rote Hosenträger gelten bestenfalls in der Provinz als vorteilhafte Garderobe. Aber Songtexte wie "Wenn du mich küsst, dann ist die Welt ein kleines bisschen weniger scheiße" sind natürlich ganz großes Kino.

Im Moment touren Kraftklub (mit k - da sind sie pingelig), um ihr Debütalbum zu promoten. Das sollten Sie sich nicht entgehen lassen. Die LP schoss in den deutschen Charts von null auf Platz eins. Im Moment sind die schwer erziehbaren Freizeitrebellen aus Chemnitz - Verzeihung Karl-Marx-Stadt (da legen sie ebenfalls Wert drauf) - noch nicht vom Erfolg versaut und wirken absolut frisch! Ich habe sie in einem übel beleumundeten Hamburger Bunker gesehen und war von ihrem New-Wave-Rap-Ska-Postpunk-Mix schwer begeistert.

Die Chemnitzer Band Kraftklub   Die Chemnitzer Band Kraftklub

Klar, die Texte der persönlich eher putzig wirkenden Twentysomethings sind teilweise so überheblich, dass man sich entweder kopfschüttelnd abwendet - oder vor Begeisterung in die Knie geht. Lyrikperlen wie "Das ist keine Musik, das sind die Black Eyed Peas" dokumentieren eine Haltung die sich nahtlos einreiht in die zeitlose Phalanx wild gewordener Egozentriker von Kaiser Nero über Machiavelli und Oscar Wilde bis Klaus Kinski und Phillip Boa. Auch "Scheißindiedisko" ist natürlich allererste Sahne - endlich ist die Pubertät auch im Osten angekommen! Alleine die konnotative Verschiebung von "Scheiß AUF die Disko" zu "Scheiß IN die Disko" lässt einen Freudentränen vergießen.

Für notorische Berlin-Hasser haben die Jungs eine Hymne geschrieben, die sogar in der Hauptstadt schwer gefeiert wird. "Ich will nicht nach Berlin" ist nicht nur wegen des bei John Lee Hooker abgekupferten Gitarrenriffs ein ziemlich granatenmäßiger Ohrwurm. Songtexte klingen bei Kraftklub zwar immer wie hingerotzt, transportieren jedoch jede Menge Inhalt.

Dabei geht es selten um abgehobene politische Statements, sondern immer um das mentale Bad in der Menge: Zeilen wie "Ich war nie ein In-der-Klasse-vorne-Sitzer und Handheber, eher so ein Angeber!" klingen nicht nur grammatikalisch waghalsig, sondern auch ziemlich ehrlich. In der Wochenzeitung "Die Zeit" wurde Kraftklub schon als "Joachim Gaucks Enkel" einsortiert.

Ein bisschen abgefärbt hat der rebellische Gestus der Eltern auf die fünf Schulfreunde. Die Erzeuger des Frontmanns und seines Bruders, des Bassisten Till, spielten früher in der DDR-Kunst-Combo AG. Geige - einem ostzonalen Musikgebräu irgendwo zwischen Westentaschen-Pyrolator, Kraftwerk für Arme und Ku-Klux-Klan.

Doch Gott sei Dank fiel bei Kraftklub der Apfel ziemlich weit vom Stamm. Schön, dass es noch solche spaßverliebten Quertreiber und Krawallbrüder gibt, die uns vergessen lassen, dass Arbeit die erste Bürgerpflicht ist. Apropos Erziehung: Auch die Textzeile: "Heidi Klum castet die Groupies für uns - Eure haben ja schon mit den Puhdys gebumst!" ist wirklich nicht von schlechten Eltern.

 
Info: www.kraftklub.to
  • FTD.de, 20.04.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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