Neben Rosinenkuchen liegen kleine Zuckergussschädel auf einem Teller, fast wähnt man sich auf einem makaberen Kindergeburtstag. Stattdessen sitzen um den Tisch eine Handvoll Erwachsene. Im Haus von Jon Underwood sind sie zusammengekommen, um "in einer sicheren und gemütlichen Umgebung über den Tod zu sprechen". "Death Cafe" nennt sich die Teestunde, schon 20-mal hat der Londoner seit dem Herbst dazu eingeladen. In die Royal Festival Hall, eine von Londons führenden Konzerthallen, in Szenecafés, zu sich nach Hause. 200 Menschen haben teilgenommen.
"Ich beschäftige mich schon lange mit dem Thema Tod", sagt Underwood, "und hier sah ich eine Möglichkeit, etwas Positives dazu zu organisieren - in einer Welt, in der Sterben zunehmend zum Tabuthema wird". Die Idee dazu hatte der Verwaltungsangestellte, als er vom Schweizer Soziologen Bernard Crettaz las. Der hat schon mehr als 40 solche "Cafés Mortal" in der Schweiz und Frankreich veranstaltet. Sein Ziel: den Tod von der "tyrannischen Geheimhaltung" befreien.
Tatsächlich scheint es einen Bedarf zu geben, den Tod aus der Tabuzone zu holen. Das Londoner Southbank Centre hat Anfang des Jahres ein großes Festival zum Thema veranstaltet, mit dem bewusst optimistischen Titel "Festival For The Living". Inspiriert vom Londoner Death Cafe fanden in den vergangenen Monaten weltweit Events statt, der erste im Sommer in Ohio, dann in Australien und demnächst sogar in Brasilien.
Beim Death Cafe stellt Underwood, der dafür seinen Tagesjob aufgegeben hat, gemeinsam mit einer Psychologin die Teilnehmer vor. Jeder kann, muss aber nicht erzählen, warum er gekommen ist. Der Pop-up-Event findet an wechselnden Orten statt. Etwa im Cakey Muto im Londoner Osten: Zehn Menschen sitzen im Kreis, die Tür wird abgeschlossen, dann erklärt Trauerexpertin Kristie West, worum es geht: keine Trauerveranstaltung, keine Diskussionsplattform. "Ich wollte bewusst etwas für Leute machen, die nicht gerade unmittelbar mit dem Thema Sterben konfrontiert sind - als präventive, lebensbereichernde Maßnahme", sagt Underwood.
Zu den Teilnehmern zählen vor allem Menschen zwischen Mitte 20 und 30. Sie kommen aus ganz unterschiedlichen Gründen. Eine junge Frau hat seit ihrer Kindheit Visionen vom eigenen Tod und hatte zuvor niemandem davon erzählt. Eine andere Frau arbeitet in der Bestattungsindustrie und fragt sich, was einen guten und einen schlechten Tod ausmacht. Es geht um Ökobestattungen oder die Frage, wie man ein sinnvolles Leben lebt, einige erzählen Geschichten von verstorbenen Verwandten, andere reden über das Nachleben.
Oft sind es erstaunliche und vor allem lustige Geschichten. Wie die von der Dame, die ihren Rabbi fragte, ob sie ausnahmsweise eingeäschert werden könnte. Ihre Asche solle man über dem Westlondoner Einkaufszentrum Brent Cross verstreuen, damit ihre Töchter sie besuchen können.
Anleitungen für die Veranstaltung eines Death Cafes hat Underwood auf seine Website www.deathcafe.com gestellt. Er hofft, dass aus dem Konzept eine Art "Social Franchise" wird. Einer der vier wichtigsten Punkte für Interessierte: Stellen Sie ausreichend Tee und Kuchen bereit. Die Atmosphäre sei dann erstaunlich entspannt, sagt der Organisator: "Es klingt merkwürdig, aber am Ende fühlt es sich wie das Normalste der Welt an, mit Fremden über den Tod zu sprechen."